Das andere Tel Aviv

Für alle, die die Nase voll haben von den immer gleichen News-Stories aus Israel. Für Euch habe ich diese Sendung gemacht. Oder wie mir im Vorfeld einer meiner israelischen Gesprächspartner, der sich mit Google Translate durch das bereits veröffentlichte Skript gelesen hat, ohne Deutsch zu können, – er also schrieb:

„At the end of day, we Israelis want to be understood as a country, not just a conflict. This may seem like just another gimmick to improve our image, and for some people it may be that. But I think its deeper — its a sort of human right that people from every country want and need. I imagine that Palestinians do too. I hope they do, because that means that their identity extends beyond their conflict with us, which would be good news.

So thanks again for showing a glimpse of Israel, the country.“

Dear …. , am I allowed to publish this?

Um ein Bild des anderen Tel Aviv zu zeichnen, habe ich mich vor allem mit Künstlern getroffen. Es ist ihr Blick auf ihre Stadt. Um den geht es mir. Nicht um die Erwartungen eines Publikums, das viele Nahostkorrespondenten meinen bedienen zu müssen.

Die Sendung läuft am 03.10.2014 von 15-16 Uhr im Deutschlandfunk in der Sendung „Corso. Kultur nach drei“. Hier geht es zur Sendung. Wer lieber liest und guckt, kann das hier tun. Ihr könnt natürlich auch das gute, alte UKW-Radio anmachen. Eine Stunde zurücklehnen und (hoffentlich) genießen.

Oder auch hier:

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Copyright: Andreas Main

Was ich an dieser Stelle noch zusätzlich liefern möchte: Resteverwertung. Ganz ernst ist das nicht gemeint. Aber wenn man 55 Minuten hat, dann hat man 55 Minuten. Ich musste kürzen, kürzen, kürzen. Das tut weh. Ich könnte Stunden lang über Tel Aviv reden. Deswegen gibt es hier vollkommen zusammenhanglos ein paar Schnipsel, die es nicht in die Sendung geschafft haben. Es ist also Bonus-Material, das sich vor allem erschließt, wenn Ihr meine Sendung gelesen oder gehört habt.

 

Copyright: Andreas Main

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Es soll übrigens in dieser Sendung auch nicht das Klischee der Partystadt Tel Aviv bedient werden. Obwohl auch ich an meinem Schuhwerk beobachtet habe: Jerusalem ist die Stadt der Sneakers oder des festen Schuhwerks, und Tel Aviv die Stadt der Flip-Flops. Tel Aviv ist die Stadt der linken Israelis, die Stadt der Popkultur, die Stadt der Säkularen. Junge Reisende zieht es – anders als Kulturtouristen und Religionsinteressierte – vor allem nach Tel Aviv. Das geht so weit, dass das junge Pärchen aus London lieber die ganze Zeit in Tel Aviv bleibt und nur Tagesausflüge macht zu den Heiligen Stätten von Juden, Christen und Muslimen im Land. Ist ja alles nur ein paar Kilometer entfernt in diesem Staat, der gerade mal so groß ist wie das Bundesland Hessen.

Copyright: Andreas Main

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Besonders an Feiertagen und am Shabbat ist der Strand nein, nicht überfüllt – es ist einfach der Ort, wo sie alle sind: die säkularen Israelis. Und sie spielen Matkot, jenes Strandtennis, das  womöglich hier erfunden wurde: in Israel, am Strand von Tel Aviv.

Yali Sobol, Romanautor und Musiker sagt dazu:

„We like to take credit for so many things we didn’t invent like Falafel and so and so. Who knows? The rumor has it that this game was invented here.“ – „Wir schreiben uns so viel auf die Fahnen, was wir überhaupt nicht erfunden haben – Falafel, und so weiter. Wer weiß? Auf jeden Fall geht das Gerücht, dieses Spiel sei hier erfunden worden.“

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Yali Sobol ist der Sohn von Jehoschua Sobol, einem der bekanntesten israelischen Dramatiker. Der Vater hat sich in viele politische Debatten eingemischt. Sein Sohn ist weniger auf Krawall gebürstet. Und doch beobachtet er kritisch bestimmte Entwicklungen:

„I see deep long processes in the society that make me fearful, that this might happen, it is not compulsory, it is not the only way to go, it is probably not even the most probable way, but it is definitely the most scary way. And that’s why I wrote it.“ – „Es gibt Entwicklungen in unserer Gesellschaft, die mir Angst machen. Es muss nicht zwangläufig so kommen. Es ist noch nicht mal wahrscheinlich. Aber davor habe ich am meisten Angst; und deshalb musste ich dieses Buch schreiben.“

Er meint eine Tendenz, Freiheiten einzuschränken, und er redet von „Die Hände des Pianisten“, seinem dritten Roman.

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Im Flur meiner Hosts: Alma Elliott-Hofmann und Lior Abel. Seine Band heißt Drunk Machine. Unbedingt mal reinhören. Er macht Musik nebenbei. Lachend sagt er, dass er womöglich derjenige Musiker weltweit ist, der am frühesten aufsteht. Er arbeitet in einer Kanzlei für Patentrecht, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Alma ist Online-Kulturjournalisten. Die beiden sind die besten AirBnB-Gastgeber der Welt.

Alma Elliott-Hofmann:

„My hopes in the next ten years is to deal with music in the best way I can, live from it, and it does not matter if it is writing or managing bands, because I am not a musician and I don’t have the talent. So I do anything around it, so I can be close to music.“ – „Meine Hoffnung für die nächsten zehn Jahre: Ich möchte von Musik leben können – auf meine Art: egal ob ich drüber schreibe oder Bands manage. Denn ich bin keine Musikerin, ich habe kein Talent. Also, will ich irgendwas drum herum machen, aber so, dass ich der Musik möglichst nahe bin.“

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Shlomit Gross kenne ich schon seit 2008. Sie hat das Bauhaus Center gegründet. Und sie macht Bauhaus-Führungen. Was ich noch nicht wusste, erzählt sie mir, während wir zum nächsten Bauhaushaus gehen.

Ihr Vater hatte einen irakischen Pass, bevor er nach Israel eingewandert ist: religiös-ethnisch ein jüdischer Kurde oder ein kurdischer Jude. Ich sage nur: eine bunte Stadt, ein buntes Land.

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 Die Musikszene in Israel: Früher passten die meisten Bands am besten in die Schublade „Weltmusik“. Dann kamen Louise Kahn und Terry Poison – die Verkörperung des Hedonismus.

„We came in a time where there wasn’t so much pop culture here. It was a long culture of like Rock’n’Roll Bands – This whole culture that comes with dressing up on stage and developing an artistic language and image – it was not so much happening here at that time. And also for me, I was not connected at all to music scene here, because they wrote music in hebrew in order to get your music on the national radio stations, you needed to have your music in Hebrew. For me this was completely absurd. My mission actually was to open the doors, to be in Tel Aviv, but to put Tel Aviv on the musical map in the world, what we actually did. And after that it was much more easy for Israeli artists to actually to start working abroad. And I see so many Israeli artists doing so well now – from Tel Aviv. And it is amazing. It is really wow.“

„Als wir anfingen, gab es hier zwar viele Rockbands, aber kaum Popkultur. Also, in dem Sinne, dass eine Band eine eigene künstlerische Sprache entwickelt, ein Image – etwa mit spezieller Kleidung oder einer entsprechenden Bühnen-Show. Da passierte hier nicht allzu viel. Ich war auch nicht allzu vernetzt in der Musikszene hier. Alle sangen Hebräisch, um im Radio gespielt zu werden. Für mich komplett absurd. Ich wollte die Tore aufreißen, damit Tel Aviv auch auf der internationalen Musiklandkarte stattfindet. Das ist uns gelungen. Es ist heute viel einfacher für israelische Künstler, im Ausland zu arbeiten. Das ist großartig.“

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Anders als viele Künstler hat sich Louise Kahn auch während des jüngsten Krieges nicht zurückgehalten: Auf die Gefahr hin, Fans zu verärgern, hat sie Artikel zum Konflikt gepostet. Der hat Zeit und Energie absorbiert, sie aber nicht davon abgehalten, einmal am Tag jenen Ort aufzusuchen, der ihr in Tel Aviv am wichtigsten ist: den Rothschild Boulevard. Einmal den Boulevard rauf, einmal runter. Louise wohnt nicht weit entfernt vom Rothschild Boulevard. Sie nennt ihn – wie viele Tel Avivim  „Silicon Boulevard“. Hier trifft sie die Leute, die sie treffen will. Rund um den Boulevard haben sich viele Start-Ups angesiedelt.

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Nicht weit entfernt vom Rothschild Boulevard – mitten in der Stadt – ist ein Kleinod zu finden, das selbst Tel-Aviv-Kenner oft nicht kennen: der Trumpeldor Cemetery. Er ist älter als Tel Aviv.  Der Trumpeldor-Friedhof lag vor den Toren der alten Stadt Jaffa, einer arabischen Stadt, in der auch Juden lebten. Ihr jüdischer Friedhof lag also außerhalb von Jaffa. Als sie dann eine eigene jüdische Stadt gründeten, lag der Trumpeldor Friedhof plötzlich mitten in der Stadt. Wegen der Unantastbarkeit der Totenruhe auf jüdischen Friedhöfen werden die Gräber heute umrahmt von Wohnhäusern.

 

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Copyright: Andreas Main

 

 

Guy Pitchon ist Skater, er ist Künstler, er macht Tattoos. Ich dachte immer, das sei bestimmt ein Künstlername. Dann erzählt er mir im Artport, er habe griechische Wurzeln. Seine Großeltern sind in den 1930er Jahren aus Griechenland geflohen. Rechtzeitig. Er bemüht sich gerade um einen zweiten Pass, den griechischen, also einen EU-Pass. Man weiß ja nie. Der Konflikt. Bequemer reisen. Doch auch wenn er ihn hat, Tel Aviv ist der Ort, an dem er sich zu Hause fühlt. Hier will er bleiben.

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Über den Artport, eine ‚Künstlerresidenz‘ im Süden Tel Avivs sagt er:

„It’s kind of like a kibbutz here, because it is – even though it is in the middle of the city, it’s very low, there is no tall structures, and it is quiet and peaceful and everybody is friendly and a lot of artists. People borrowing stuff from one another. So, it feels like a kibbutz, kind of.“ – „Das ist wie ein Kibbutz hier. Obwohl mitten in der Stadt, gibt es kaum große Gebäude: es ist ruhig, friedlich; alle sind freundlich. Man leiht sich wechselseitig, was man braucht. Es fühlt sich an wie im Kibbutz.“

 

Auch das Corso-Gespräch mit der Filmemacherin Hilla Medalia musste ich massiv kürzen. Von ihr empfehle ich Dokumentarfilm „Dancing in Jaffa“. Es geht um jüdische und arabische Kinder in Tel Aviv beziehungsweise in Jaffa, die gemeinsam tanzen lernen – jenseits aller Feindschaft. Und in „Numbered“, von ihr produziert, da geht es um junge Israelis, die sich Tattoos machen lassen mit genau jener Zahl, die ihren Großeltern eintätowiert wurde von den Nazis. Beides sehr bewegende Filme.

 Andreas Main:

Sie müssen also das Publikum im Ausland erreichen. Das ist die wichtigste Überlebensstrategie?

Hilla Medalia: 

Absolutely, the main strategy to survive for Israeli filmmakers is to actually broaden outside of our home turf – and I can tell you that all my films – not only my film is funded from also international money, again, it is interesting. When an Israeli film is doing extremely well outside of Israel, then it goes back to Israel. For example, we started „Dancing in Jaffa“ in Israel. It did not go so well. I mean, it was okay for documentary in Israel; but now since it is doing well outside of Israel now suddenly there are more requests. And it might have another theatrical round here. Same story with „The Gatekeepers“. The Gatekeepers started in Jerusalem Film Festival. Nobody wanted to see it, nobody spoke about it. It did not win an award. Nothing. Once it started to be a big hit outside of Israel, it became very successful here. I find that this is also happening.

 Absolut. All meine Filme haben Filmförderung ausschließlich aus dem Ausland bekommen. Wenn ein israelischer Film dann allerdings im Ausland gut läuft, dann bekommt er hier auch eine weitere Chance. „Dancing in Jaffa“ kam zuerst in Israel in die Kinos. Es lief nicht gut, auch nicht richtig schlecht. Aber seit dem Erfolg im Ausland gibt es auch hier mehr Anfragen. Genauso erging es „The Gatekeepers“. Premiere war beim Jerusalemer Filmfestival. Niemand wollte ihn sehen, niemand sprach drüber, er bekam nicht einen Preis. Als „The Gatekeepers“ international ein Riesenerfolg wurde, stellte sich auch hier der Erfolg ein.

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 Andreas Main:

But with all due respect, Israel is more than the conflict. And sometimes for me, I watched about ten or twelve movies in the past few months. And sometimes I think, it is all about the conflict. Is this because of the funding? – Aber Israel ist mehr als der Konflikt. in den vergangenen Monaten habe ich rund ein Dutzend israelischer Filme gesehen. Manchmal dachte ich, schon wieder der israelisch-palästinensische Konflikt. Liegt das an der internationalen Filmförderung – oder woran liegt das?

Hilla Medalia:

The Israeli society is a little tired from films about the conflict. They are actually more interested in films about other films than the conflict. But I would say, if I gonna make a film about even about a social issue within Israel, about how expensive our apartments in Tel Aviv, that’s not of an interest to anyone outside of Israel, so at the end of the day most of the film that are being very successful outside of Israel are relaying to the conflict. But absolutely there are more – and also there are some films that are not about the conflict, that makes it outside. I mean, if I am speaking about my own work, just like Web Junkies, it is about internet addiction in China, nothing to do about the conflict, or most recently in Cannes, The Go-Go-Boys, that is about Menahem Golan and Yoram Globus, nothing to do with the conflict, very funny fun-film.

Nein, im Gegenteil. Auch das israelische Publikum ist diese Filme leid. Es will Filme sehen, bei denen es nicht um den Konflikt geht. Aber wenn ich einen Dokumentarfilm machen würde – sagen wir mal über die hohen Mietpreise in Tel Aviv – dann würde sich außerhalb von Israel niemand dafür interessieren. Die meisten Filme, die internationalen Erfolg haben, drehen sich um den Konflikt. Aber es gibt andere. Um mal nur von mir zu sprechen: Ich habe Web Junkies gemacht, da geht es um Internetsucht in China – das hat wenig zu tun mit dem israelisch-arabischen Konflikt. Und das gilt auch für die „Go-Go Boys“ – einfach nur ein lustiger Film.

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Andreas Main:

There are approximately a dozen movie theaters in Tel Aviv with about forty screens, I guess. When we talk, the local cinema programs dominated by american movies all around the world, there are a few underground indie places in Tel Aviv. Two like a place called „Zimmer“ – where they screen movies on the wall or something like that – Nevertheless, Israel is quite a small market for Israeli film makers, isn’t it? – Es gibt rund zwölf Kinos in Tel Aviv mit etwa vierzig Kinoleinwänden – auch einige Indie-Kinos. Dennoch, Israel ist ein ausgesprochen kleiner Markt für Filmemacher?

Hilla Medalia:

Israel is a very small market for Israeli filmmakers. Often I feel that my work as well as others is not being seen much or appreciated much here unfortunately as it is outside of Israel. I can tell you for example my film „Dancing in Jaffa“, that screened all over Germany, US, France, had very very few theatrical screening in the cinematheque, which is more the art house cinema for a very short period of time. Not a lot of people heard about it. Certainly not as much as they did in France or in the US.

 Ja, manchmal habe ich den Eindruck, dass meine Arbeit hierzulande weniger gesehen und geschätzt wird als ausserhalb Israels. Das geht anderen auch so. Mein Film „Dancing in Jaffa“ ist in Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten gelaufen, hier war er nur ganz kurz in einem Arthouse-Kino.

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 Oren Zuckerman, der gerade den Zeigefinger hebt, hat am MIT in Boston studiert. In Herzliya hat er das miLab im IDC gegründet.

„The main goal is to empower young people to believe in themselves and in their creative power that is inside – and to show them that through interdisciplinary work with other people, they can achieve amazing innovation that they did not know that they are able to.“ – „Die jungen Leute sollen an sich selbst glauben und an die kreative Kraft in ihnen. Und sie sollen erkennen: Wenn sie interdisziplinär mit anderen zusammenarbeiten, dann bringen sie Innovationen hervor, von denen sie bisher nichts ahnten.“

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