Kunst im Krematorium, Kunst in der Kirche, Kunst im Plattenbau

Dass der Wedding das neue Kreuzberg und das neue Neukölln wird, darauf können wir uns wohl einigen. Der Wedding hat nur einen Haken: Noch muss der Wedding-Mensch ziemlich weite Wege zurücklegen, um seine Mischpoke zu treffen.

Ich habe in den vergangenen Wochen einen Galeristen beobachtet, der eine krasse Entscheidung gefällt hat: Er hat sich die Trauerhalle des ehemaligen Krematoriums Berlin-Wedding gekauft. Die sah Ende Juni 2013 so aus:

Galerie Patrick Ebensperger im ehemaligen Krematorium, copyright: Andreas Main

Galerie Patrick Ebensperger im ehemaligen Krematorium, copyright: Andreas Main

An diesem Tag wurde gerade der Boden gegossen. Das feucht-dunkle Material ist inzwischen hell. Leider habe ich nicht gesehen, wie es hier vor der Renovierung aussah. Aber offenbar war hier alles gelb-braun.

Mitte August war ich nochmals da. Die 14 Künstler der ersten Ausstellung in diesen speziellen Räumen hatten bereits aufgebaut. Am 20.9.2013 wird die neue Galerie Patrick Ebensperger eröffnet.

Galerie Patrick Ebensperger im ehemaligen Krematorium, copyright: Andreas Main

Galerie Patrick Ebensperger im ehemaligen Krematorium, copyright: Andreas Main

Über diese Umwidmung habe ich für „Corso. Kultur nach drei“  im Deutschlandfunk ein Radiostück gemacht. Es ist hier zu lesen.

Und hier zu hören:

Darin geht es auch um die Galerie Johann König. Die wird nämlich 2014 in eine ehemalige Kirche ziehen. St. Agnes habe ich mir auch angesehen.

Und ich muss einfach mal sagen: Es gibt schlimmere Jobs als den eines Radiomenschen. Klar, das ist aufwändig, für einen Beitrag an vielen Orten diverse Interviews zu führen und dann alles abzuhören und zusammen zu denken. Aber bisher war diese ebenso spezielle Galerie bzw. Kirche vollkommen an mir vorbei gegangen. Klar, ich hatte drüber gelesen. Aber wo diese ominöse Kirche sein könnte, dem war ich nie nachgegangen. Das ist sie:

St. Agnes demnächst Galerie Johann König. copyright Andreas Main

St. Agnes demnächst Galerie Johann König. copyright Andreas Main

Was das Interessante ist: Sowohl Johann König als auch Patrick Ebensperger legen sich fest. Der eine hat die Kirche in Erbpacht für die nächsten 99 Jahre erworben, der andere hat das Krematorium gekauft. Und das vor dem Hintergrund, dass das Tempo, in dem die Kunst-Karawane von einer Ecke in die näch­ste zieht, in Berlin extrem hoch ist.

Sind Kirche und Krematorium womöglich der Anfang eines Gegentrends in der Galerien-Landschaft? Entschleunigt sich die Galerien-Karawane? Beide Galeristen räumen ganz offen ein, dass sie sich gegen steigende Mieten absichern mit ihren neuen Objekten.

St. Agnes, demnächst Galerie Johann König, copyright: Andreas Main

St. Agnes, demnächst Galerie Johann König, copyright: Andreas Main

Gebaut wurde St. Agnes übrigens von Werner Düttmann, einem ehemaligen Senatsbaudirektor von Berlin. Viele bezeichnen so was als brutalistische Architektur. Viele hassen das. Ich teile diese Meinung nicht. Wenngleich der Innenhof schon krass wirkt. Aber hoffentlich bleibt er weitgehend so, wie er ist. Mal so an die Adresse von Arno Brandlhuber, der den Komplex renoviert.

St. Agnes, copyright: Andreas Main

St. Agnes, copyright: Andreas Main

Kirche erwerben oder Krematorium kaufen – daran kann Maik Schierloh nicht denken. Zusammen mit Joep van Liefland hat er das Autocenter gegründet. Das ist keine Galerie. Hier wird nichts verkauft. Hier wird gezeigt. Die beiden hauen eine Ausstellung nach der nächsten raus. Das Kunstmagazin Art schrieb jüngst: „Die wahre Berliner Kunsthalle heißt Autocenter.“

Autocenter, copyright: Andreas Main

Autocenter, copyright: Andreas Main

Auch das Autocenter sucht immer wieder nach speziellen Orten. Und hat im Frühjahr eine ehemalige Jugend-Bücherei gefunden: in Berlin-Mitte, in einem noch nicht sanierten Plattenbau in der Leipziger Straße. Leider musste ich das Autocenter aus meinem DLF-Beitrag raus schmeißen. Nicht weil es mich nicht faszinierte, ganz im Gegenteil. Aber was nicht geht, geht nicht. Zum Glück ist mehr Platz im Internetz. Das hier ist der Bonus-Track und eine kleines Denmal, das ich dem Autocenter setzen möchte:

Maik Schierloh: „Eigentlich das Lieblingsthema in dieser Halle ist die Decke. Und wir haben jetzt so eine rosa-cremefarbene Decke. Die ist toll. Das passt perfekt zu uns. Es geht ganz gut in die Verbindung mit den Holzregalen, die sind ja so grün-holz-bräunlich. Ja, das ist der Wahnsinn.“

Maik Schierloh im Blaumann hilft gerade mit, eine Ausstellung aufzubauen. 

Maik Schierloh: „Wir werden auch bestimmt nicht ewig hier bleiben, nein, das geht immer weiter. Das hängt ja auch davon ab, wie die Mietpreise sind und wie man sich was leisten kann.“

Eines ist sicher: Das Autocenter braucht Unterstützung. Die leben von den Mitgliedsbeiträgen eines Freundeskreises und von Spenden. Und die rosa-cremefarbene Decke habe ich leider nicht fotografiert, sondern diese im Nachbarraum:

Autocenter, copyright: Andreas Main

Autocenter, copyright: Andreas Main

Klar, bei Kunst geht es auch um Markt. Um Geld. Aber was ich bei diesen vier Besuchen in drei neuen Kunstorten gespürt habe: Es geht vor allem um Leidenschaft. Um Umwertung. Um Umwidmung. Um Umdenken. Um Umbau.

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