Therapeutisches Tätowieren: Wie ich mir von Künstlerin Natascha Stellmach in den Arm ritzen ließ.

„LOVE IT ! (although I sound amusingly hysterical – a bit like a spaced out aussie surfer inkless  junkie – … perhaps I am? 😉 „)

Das war die Reaktion von Natascha Stellmach, als sie gestern meinen Deutschlandfunk-Beitrag gehört hat, in dem ich ihre Aktion porträtiert habe. Natascha Stellmach tätowiert – und zwar in einer Galerie. Sie macht „Inkless Tattoos“. Das sind Tattoos, die nicht bleiben. Manchmal nach ein paar Tagen, aber spätestens nach ein paar Wochen haben sich diese Tattoos ver­flüchtigt, sind nicht mehr zu sehen, weil eben inkless, also ohne Tinte. Sie tätowiert Wörter, selbst gewählte, etwas, was vergehen soll – wie das Tattoo. Also: Kunst, die unter die Haut geht – und zwar im wortwörtlichen Sinne.

“Day 2, Reini lets go of longing, inkless tattoo documentation, 2013” copyright: Natascha Stellmach

“Day 2, Reini lets go of longing, inkless tattoo documentation, 2013”
copyright: Natascha Stellmach

Also, ich bin ja wirklich nicht der Tattoo-Typ, und der Arm („Sehnsucht“) ist auch nicht meiner. Muss mal gesagt sein.

Ich kann auch kein Blut sehen, habe es aber dennoch getan. Um ehrlich zu sein, sogar zweimal. Beim ersten Mal nur für mich. Um dann festzustellen, dass noch mehr Leute davon erfahren sollten. Natascha hat mir eine zweite Audienz gewährt. Und gestern lief die Reportage bei „Corso. Kultur nach drei“ im DLF. Der Beitrag ist ein halbes Jahr lang hier nachzuhören und für immer nachzulesen.

Später empfehle ich hier reinzuhören:

Kunst, die unter die Haut geht – Therapeutisches Tätowieren ohne Tinte

Nachtrag am 9.10.2013:

Der Beitrag hat ganz schön Kreise gezogen.

Es gab einen, nunja, vielleicht noch exhibitionistischeren Beitrag von mir auf Dradio Wissen.

Der wurde dann in der Sendung Neonlicht im Deutschlandradio Kultur wiederholt, um dann auch nochmals von Dradio Wissen wiederholt zu werden. Offenbar fanden viele Redakteure meine beiden Beiträge oder vor allem die Künstlerin spannend.

Hier ist der Beitrag auch fürderhin noch zu hören, wenn das halbe Jahr der erlaubten Audio on Demands verstrichen ist:

Neonlicht: 

Dradio Wissen: 

Es war eine krasse Reportage-Situation. Oder habt Ihr schon mal ein Mikro gehalten, Euch auf Fragen und Antworten konzentriert, während Ihr tätowiert wurdet? Und wenn das dann so lange dauert, dass Euch der Akku des Aufnahmegeräts abschmiert, dann ist das auch kein Spass. Aber die Künstlerin ist so entspannt, dass sie es ist, die sagt: Nimm doch Dein iPhone. Hat gut funktioniert. Noch eine Premiere – nicht nur das Tätowieren.

copyright: Natascha Stellmach / Andreas Main

copyright: Natascha Stellmach / Andreas Main

Worum es der Künstler-Schmanin-Heilerin geht: Etwas was jemand wirklich loswerden will, wird eintätowiert. Das Tattoo verflüchtigt sich ebenso wie der Dämon, von dem sich die Person befreien will.

copyright: Natascha Stellmach / Andreas Main

copyright: Natascha Stellmach / Andreas Main

Wer über meine Reportage hinaus mehr wissen möchte, dem kann ich auch einen Artikel im Kultur-Teil der „Welt“ anempfehlen. Der Autor bringt das Projekt schön auf dem Punkt, hat sechs Stunden mit ihr geredet. Ich zitiere mal kurz:

„Erst das D. Ein Geräusch etwas hochfrequenter als das Durchbrechen des Zahnschmelzes mit einem Bohrer. Flirrendes Surren. Ein Mitte-Vierzig-Mann schaut auf das austretende Blut. U. E. L. L.: Duell steht jetzt auf dem Arm. Durch die Fensterscheiben am Strausberger Platz in Berlin können die Gäste der Vernissage „I don’t have a gun“ sehen, wie die Künstlerin das Blut wegwischt. Natascha Stellmach schaut angestrengt, aber zufrieden. Es ist die dritte Hautschicht, die sie an diesem Abend mit einer Tätowiermaschine abträgt. Teil ihrer Kunst sind Inkless Tattoos – tintenlose Tätowierungen.“

Oder hier in dem Blog Wait A Mo. Oder hier auf der Seite der Galerie Wagner + Partner, wo das Ganze zur Zeit stattfindet. Und so sah das dann ebendort aus am Abend der Vernissage:

copyright: Natascha Stellmach / Andreas Main Während der Vernissage.

copyright: Natascha Stellmach / Andreas Main
Während der Vernissage.

Natürlich verrate ich Euch nicht, welches Wort ich mir vor einer Woche in den Arm ritzen ließ.

Ich weiß nur, dass es etwas auslöst, wenn man im Dienst der Kunst seine Angst überwindet und seine Haut zur Leinwand macht.

Ein paar Gedanken noch, die mir seit diesem denkwürdigen Tattoo-Nachmittag mit Natascha Stellmach gemacht habe, nur in Stichwörtern.

Kunst, die weh tut.

Kunst als Ritual. Als ritzendes Purgatorium.

Kunst, die unter die Haut geht, ouch.

Wenn Kunst existenziell wird.

Angst überwinden – die Folge: Adrenalin-Ausstoß

Drei Stunden spaeter fuehle ich mich gluecklich und frei.

copyright: Natascha Stellmach / Constanze Meyer

copyright: Natascha Stellmach / Constanze Meyer

Ganz in der Halböffentlichkeit und zugleich wie in einem Cocoon, einer Höhle.

Sie redet von compassion und ist womoeglich eine moderne Schamanin.

Am ersten Tag danach fühlt es sich an, als hätte mich jemand gegen Grippe geimpft. Das eintätowierte Wort ist sehr nah, ich denke nonstop dran. Genauso am zweiten.

Am dritten Tag lässt der (Minimal-)Schmerz nach. Es ist der Stolz, der dominiert: Ich habe es getan.

Erst am Dienstag und Mittwoch (vierter und fünfter Tag) rückt das Wort langsam in den Hintergrund, so wie es auch sich farblich leicht ändert. Das Blutrot schwindet. Verblasst es schon?

Natascha Stellmach nennt in einer Email das ganze: „intellectual bungee-jumping.“

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Eine Antwort zu Therapeutisches Tätowieren: Wie ich mir von Künstlerin Natascha Stellmach in den Arm ritzen ließ.

  1. Pingback: Documenta-Künstlerin Natascha Stellmach jetzt auch auf Wikipedia, englisch. Autor: Ich. | Andreas Main

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