Detroit #13: Die neuen Pioniere

Bevor ich mich in Klausur begebe, um eine 10minütige Reisereportage über Detroit zu schreiben, was wohl ein relativ einzigartiges Radiounterfangen ist, blicke ich zurück. Am vergangenen Samstag lief im DLF in der Sendung „Eine Welt“ meine Reportage „Pioniergeist in Motorcity. Immer mehr junge Menschen gründen Firmen in Detroit.“ 

Im Laufe der Woche haben drei geschätzte, mir wichtige Redakteure gesagt, dass ihnen das Stück gefallen habe. Sie haben sich noch euphorischer ausgedrückt. Zitierte ich dies, stänke das zum Himmel.  Wer das Stück lesen will, kann das hier tun. Da gibt es auch drei Fotos von Menschen, die mich beeindruckt haben. Weil das so ist, liefere ich hier ein paar Eindrücke nach. Nennen wir es Making of.

The Hub of Detroit“ ist die Nabe der Stadt. Ein Fahrradladen, in dem junge Studentinnen gemeinsam mit verrenteten Fabrikarbeitern Fahrräder zusammen basteln. Um sie dann zu verschenken. Ich habe dort ein Rad gekauft. Ich habe in The Hub viele Stunden verbracht. Ich habe mit den Leuten geredet. Fast täglich denke ich an diesen Spätnachmittag. Vor einem Jahr gab es nur wenige Radfahrer in Detroit. In diesem Jahr gibt es allenthalben Radwege und bike racks. Da tut sich was in der Motor City.

The Hub of Detroit

copyright: Andreas Main

Die sammeln dort alte Räder, Schrottteile – und bauen sie neu zusammen. Verkaufen das. Verschenken das. The Hub ist non profit. Ein eigenes Rad in D zu besitzen – das ist ja fast wie real estate. Ich gehöre dazu. Ein bisschen. Eines Nachmittags jedenfalls packte mich die Idee, ich müsse mein Rad zum Motiv machen. Die Bilder habe ich auf Flickr ausgestellt.

Jack VanDyke, The Hub of Detroit

Copyright: Andreas Main

Jack VanDyke gehört zu The Hub. Er trainiert die Volunteers, damit sie noch mehr wissen über Räder. Er ist auch einer von diesen Typen, den ihre Arbeit mit den Volunteers wesentlich wichtiger ist, als Interviews zu geben. Ich kann das gut verstehen. Das ist so ein Phänomen, das uns immer wieder begegnet ist in Detroit.

Ein afro-amerikanischer Mann erzählt mir, dass er erstmals im Hub ist, weil er einfach mehr Expertenwissen anhäufen will rund um Fahrräder. Die Kids aus der Nachbarschaft kommen immer zu ihm, wenn was kaputt ist. Er will noch besser werden. Er ist 60 und lebt immer noch – anders als viele seiner Freunde, die „zu schnell gelebt haben“. Er will etwas zurückzugeben.

The Hub

Copyright: Andreas Main

Der besagte Rentner ist froh, dass er hier hin kommen kann. „Besser Räder reparieren als das Geld in der Bar versaufen. Das ist gesünder.“ Er ist sehr mitteilungsbedürftig. Eigentlich müsste ich Atmos aufnehmen. Aber er will nonstop ins Mikro reden. Ich bewundere ihn.

The Hub

Copyright: Andreas Main

Heather ist Studentin. Neben ihr der Easy-Rider-Rocker-Harley-Verschnitt. Er ist circa 1,95 groß. 95 Kilo. Er testet die eben reparierten Kleinkinderräder. Fährt durch die alte Fabriketage. Ein 50jähriger, der sich nicht zu schade ist, den Clown zu geben. 95 Kilo auf Fahrrädern für Dreijährige – wenn die Räder das überleben, sind sie sicher. Alle haben Spaß.

The Hub

Copyright: Andreas Main

Emily Doerr hat das Hostel gegründet. Das erste und einzige Hostel in Detroit.

 Hostel Detroit

Hostel Detroit (copyright: andreas main)

Anders als in Berlin, wo es zum schlechten Ton gehört, Touristen und Hostels zu bashen, haben rund 300 Detroiter Geld, Möbel und Arbeitszeit gespendet, um dieses Hostel möglich zum machen.

Emily Doerr hat das  Hostel Detroit gegründet

Copyright: Andreas Main

Emily Doerr hat neue Firmengründungen im Kopf. Was genau, weiß sie noch nicht. Oder will es noch nicht sagen. Wir haben uns dort getroffen, wo sie heute arbeitet: Sie ist Beraterin bei einer Handelskammer. Ihr Fokus: small businesses. Das Hochhaus, in dem wir stehen, stammt im übrigen vom selben Architekten, der das World Trade Center entworfen hat. Der Blick geht nach Kanada – in Richtung Süden (sic!).

Emily Doerr, founder of the Hostel Detroit

Copyright: Andreas Main

Eine von vielen kleine Firmen, die Detroit aufmischen werden, ist “The Empowerment Plan“. Auch hier allergrößte Zurückhaltung, was Interviews betrifft. Deutschland ist nicht wichtig. Ausserdem tummeln sich eh so viele Deutsche gerade in “D”. Keine Reaktion auf Emails. Aber auch Tweets, Facebook-Messages und Co helfen nicht weiter. Ich bin einfach hingegangen. Letztlich zog sich dies wie ein roter Faden durch die Reise. Viele Detroiter haben einfach keine Lust auf “helicopter journalists” a.k.a “parachute journalists”. Erst als klar wurde, dass ich mich wirklich für das Projekt interessiere und nicht nur schnell ein paar O-Töne abgreifen will, ging was.

Annis Mitchell und Julie Benac / The Empowerment Plan

Copyright: Andreas Main

Ehrlich gesagt: So einen Mantel möchte ich auch. Noch gibt es ihn nicht. Jedenfalls nicht zum Kauf. Er wird verschenkt – an Obdachlose.

The Empowerment Plan

The Empowerment Plan (copyright: Andreas Main)

Es gibt diese Momente im Reporterleben, die machen glücklich. Auch wenn Du schon viele Jahre dabei bist. Wenn sich Herzen öffnen. Wenn Du merkst: Da weht ein Geist durch eine Fabrikhalle, den Du magst.

The Empowerment Plan

Copyright: Andreas Main

Die zahlen übrigens im Ponyride so „$0.10-$0.20 per square-foot, which includes the cost of utilities.“

Noch ein Grund, nach „The D“ zu ziehen.

Empowerment Coat

Empowerment Coat (Copyright: Andreas Main)

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Eine Antwort zu Detroit #13: Die neuen Pioniere

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