Detroit #11: Earthworks Farm, Capuchin Soupkitchen und das Urban Farming in der ’neuen Stadt‘

Der Fasan ist der treue Begleiter in der City of Detroit. Dieses Jahr habe ich drei Fasane gesehen, im vergangenen Jahr nur einen. Er stolziert über grüne Wiesen. Immer wieder gerne in Corktown – rund eine Meile entfernt von Downtown. Manch ein Detroiter trägt den Fasan stolz auf der Brust: der Fasan als T-Shirt-Motiv. Er steht für eine neue Stadt: eine Stadt mit viel Grün.

Detroit hat sich zur Speerspitze einer Bewegung gemausert. Stichwort: Urban Gardening und Urban Farming. Also, Landwirtschaft in der Stadt. Und zwar über Schrebergarten-Dimensionen hinaus. Mehrere hundert solcher Bauernhöfe und Gemeinschaftsgärten gibt es mittlerweile innerhalb der Stadtgrenzen von Detroit. Manche reden gar von 1.300. Eine der ersten und ältesten und wichtigsten dieser Farmen ist die Earthworks-Farm. Sie wurde von einem Ordensmann gegründet: einem Kapuziner. In den 90er Jahren. Bis heute arbeitet die Earthworks Farm mit der Kapuziner-Suppenküche aufs Engste zusammen.

Wir (die Kollegin Marietta Schwarz und ich) haben uns dieses Projekt angeschaut, das mehr als eine Farm und eine Suppenküche ist. Daraus ist ein Beitrag entstanden, der heute morgen im Deutschlandfunk gelaufen ist – und zwar bei „Tag für Tag. Aus Religion und Gesellschaft“. Auf der Website des dradio lässt er sich auch nachlesen.

Und hier lässt er sich nachhören:

Einen guten Überblick gibt auch Jessica Braun, deren Text auf ihrem Blog und in der „Zeit“ erschienen ist. 

(Hier gehts zum Zeit-Artikel.)

Das will ich hier nicht alles noch mal erzählen, sondern nur um ein paar Bilder und Eindrücke ergänzen.

Vor allem um den: Urban Farming in Detroit ist kein Spielkram für reiche Kids, die Langeweile haben und mal was Modisches machen wollen. Das ist eine existentielle Frage. In vielerlei Hinsicht.

Eastern Market

Eastern Market / copyright: Andreas Main

Die Leute von der „Earthworks Urban Farm“ haben lange gemauert. Sie wollten kein Interview geben, was natürlich daran liegt, dass Deutschland ihnen nicht so arg wichtig ist, sondern die Community, die Hood. Es geht darum, die Menschen zu versorgen, die in die Capuchin Soup Kitchen kommen. Es geht ums Lebensmittelsystem, um Gerechtigkeit, um bezahlbares Bio-Essen für alle. Außerdem haben die Earthworks-Mitarbeiter kein Interesse mehr daran, Teil dieser Medienstory über arme, lethargische Detroiter zu sein, die in der Apokalypse zwischen Ruinen leben.

Das bedeutete im Vorfeld: noch eine Email und noch eine, vorbeifahren, nochmals face to face erklären, worum es uns geht. In vielen Fällen hätten wir wohl gesagt: Okay, wenn die nicht wollen, wir laufen niemandem hinterher. Aber die Hartnäckigkeit hat sich gelohnt. Denn egal ob Leiter oder Trainer oder Volunteers – die haben was zu sagen und verbreiten eine Idee. Etwa hier:

Oder auch hier. Patrick Crouch, der Kollege von Shane Bernardo im Video, twittert als @dirtysabot. Und er bloggt unter „little house on the urban prairie“.

Earthworks stammt aus dem vergangenen Jahrhundert. Die Acre Farm dagegen ist gerade gegründet. Als ich Ryan Anderson vor einem Jahr kennenlernte bei Detroit Soup, da hatte ich meine Zweifel: Na, ob er es wirklich macht? Einen Anti-Afghanistan-Krieg-Lobbyisten-Job in Washington aufgeben und nach „D“ ziehen, um eine Farm zu gründen? Er hat es getan. In der Sichtachse zwischen dem Hostel Detroit und Michigan Central Station. Die erste Ernte steht an.

Neufarmer Ryan Anderson auf seiner "Acre" Farm

Neufarmer Ryan Anderson (copyright: Andreas Main)

Neben den großen und den kleinen Farmen gibt es noch die Community Gardens. Die leben wie auch die großen Geschwister vom Elan Freiwilliger. Wir haben uns mehrere angesehen. Was gute Laune macht.

Community Garden "Spirit of Hope"

Community Garden „Spirit of Hope“ in Detroit (Copyright: Andreas Main)

Mein Tipp: Einfach mal mit den Leuten reden. Am Ende bekommt Ihr zwei Salatköpfe in die Hand gedrückt und zahlt drei US-Dollars. Und der Tag ist gerettet.

Wer da übrigens mal mitarbeiten will, ist wohl bei den meisten Gärten ausgesprochen willkommen.

Spirit of Hope (Copyright: Andreas Mai

Spirit of Hope – Community Garden in Detroit (Copyrights: Andreas Main)

Es sind Tonnen gesunder Lebensmittel, die innerhalb der Detroiter Stadtgrenzen produziert werden. Ein Teil wird direkt vermarktet, ein Teil landet auf dem Eastern Market. Das ist DAS Ereignis in einer Detroit-Woche. Deshalb: Eine Reise nach „D“ unbedingt so planen, dass sie mit einem Samstag beginnt oder aufhört, dass also ein Besuch auf dem Eastern Market drin sitzt.

Eastern Market in Detroit

Eastern Market – das Herz von Detroit (Copyright: Andreas Main)

Hier trifft man sich – und zwar über alles hinweg, was trennt. Ich habe selten so leckeren Salat gekauft. Frisch vom Feld. Gefühlte 20 Sorten in einer Tüte. Ich habe sie direkt aufgegessen – ohne Salatsauce, ohne alles. Ich habe übrigens auch abgenommen in den USA.

Brother Nature @Detroit

Brother Nature @Detroit (Copyright Andreas Main)

Gäbe es nicht die Farmen, die Community Gardens und den Eastern Market (alles im übrigen non-profits, dann bliebe den Detroitern in der City nur eines: ihre Lebensmittel an der Tankstelle und im Liquor Store zu kaufen. Das war in den vergangenen Jahrzehnten der Normalfall. Denn alle Supermarktketten haben sich aus der City zurückgezogen. Nichts gegen die netten Menschen, die Liquor Stores betreiben, aber das, was sie an Lebensmitteln vorhalten können, ist nicht allzu gesund.

Liquor Store in Corktown, Cochrane Street

Liquor Store in Corktown, Cochrane Street (Copyright: Andreas Main)

Zwei bis drei Fahrradminuten von dort, ebenfalls in Corktown: der Community Garden „Hope takes Root“.

Community Garden "Hope takes Root" in Corktown @Detroit

Community Garden „Hope takes Root“ in Corktown @Detroit (Copyrights: Andreas Main)

Die Leute aus der Nachbarschaft bewirtschaften gemeinsam eine Fläche vielleicht so groß wie ein halbes Fußball-Feld. Davon werden einige satt. Wenn was übrig bleibt, geht es an die Kapuziner-Suppenküche. Hier schließt sich ein Kreis. Dieser Community Garden wurde im übrigen von einer Ordensfrau initiiert.

Bienen im Community Garden "Hope takes root"

Bienen im Community Garden „Hope takes root“ (Copyright: Constanze Meyer)

Ich hätte nicht übel Lust, mir mal zwei Monate frei zu nehmen und den Volunteer zu machen in einem dieser 1.300 urban farming / gardening Projekte in Detroit.

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