Der achte Tag ohne Essen: zwischen Delirium und Euphorie

Keine Panik. Gastroenterologische Details werde ich Euch ersparen. Und auch mit einem Fasten-Tagebuch wollte ich niemanden behelligen. Ich habe mich sogar weitgehend von social Plattformen fern gehalten und mich ganz auf Arbeit und Fasten konzentriert. Mir ist klar geworden: Essen ist overrated. So viel kreatives und diszipliniertes Arbeiten wie in den vergangenen Tagen gelingt mir selten.

Ich habe vor acht Tagen, am 01.03.2012, das letzte Mal etwas gegessen. Am 02.03.2012 habe ich das getan, was man so tut, wenn man heilfastet. ((Abführen.)) Wie ich dieses Wort verabscheue: Heilfasten. Heil, Kur! Heil, Praktiker!

Der zweite Fastentag war eine Katastrophe. Kopfschmerzen ohne Ende. Ich wollte abbrechen. Klar, nicht genug getrunken. Also, zwei Tage waren nicht so schön. Aber dann folgten sechs grandiose Tage. Darum geht es mir.

Ich habe vorher alles eingekauft, was ich brauche: ein wenig Saft, diverse Teesorten, Brühe. Das hat zur Folge, dass während der Fastentage vieles entfällt, was sonst Zeit frisst: einkaufen, Essen machen, abwaschen. Plötzlich hatte ich ganz viel Zeit. Da habe ich, der ich sonst nach dem Aufstehen als erstes zur Heiligen iFaltigkeit greife, damit mir auch nichts entgeht, mich einfach mal in den Erker gesetzt, die Fenster aufgerissen und in den blauen Prä-Frühlings-Himmel geguckt. In der Hand so einen Bol aus Taizé. Tee, Tee, Tee.

Wobei ich mir auch ab und an mal einen Saft und eine Brühe gegönnt habe. Asketen reicht ja Wasser. Ich glaube, das könnte ich nicht. Dazu bin ich wohl doch zu sehr barocker Katholik. Da muss auch schon mal ein Päuschen drin sein mit einem frisch gepressten Gemüsesaft im neuen Cafe „Lebensfroh„, (vegan, organic, raw).

Jetzt empfehlen ja alle, dass man sich ein wenig Zeit nehmen soll beim Fasten. Keine Stressphasen, bitte. Das wollte ich auch so machen. Ich wollte mich auch auf weniges konzentrieren. Ich hatte schon seit längerem ein Interview mit dem Schauspieler, Forscher, Schriftsteller, Übersetzer, Fotografen Hanns Zischler verabredet. „Hans, wer? … Ach, der?“ titelte mal die FAZ. Das ist der, der in Spielbergs Munich den Mossad-Agenten Hans gespielt hat und in der skandinavischen Krimiserie „Kommissar Beck“ eine zentrale Nebenrolle. Egal. Der ist ein Intellektueller. Er ist keiner von diesen PR-Dampfplauderern. Das hat er nicht nötig. Und von Journalisten hält er – vorsichtig formuliert – nicht allzu viel, was ich gut verstehen kann. Da braucht es gründliche Vorbereitung. Ich dachte, so was packst Du nicht fastend. Aber ich war extrem open-minded und bin es fortwährend. Das Interview war sehr erfreulich. Es ist Ende nächster Woche im Deutschlandfunk bei Corso zu hören.

Dann kam der Hammer: die Anfrage, der Auftrag, die Bitte der DLF-Redaktion „Hintergrund Politik“, einen Beitrag für den Freitag vor der Bundesversammlung zu liefern. Ein ostdeutscher Pfarrer wird Bundespräsident. Wird die Republik protestantischer? Wie ist es um das Verhältnis Staat-Kirche resp. Religionsgemeinschaften bestellt?

Ich hatte sofort den Arbeitstitel Käßmannisierung der Republik im Kopf. (Kann ich das Urheberrecht beanspruchen auf „Käßmannisierung“? Ich glaube schon.) Aber wie ist so ein 12-Minuten-Stück in einer Fasten-Phase zu packen (mit mehreren anderen Projekten parallel)? Ich habe größten Respekt vor dieser Sendung, die zu den DLF-Flaggschiffen gehört. Da will und darf ich nichts Halbgares abliefern. Ich habe zugesagt.

Der fastende Körper ist so vergeistigt, dass ich an einem Donnerstagmorgen um 6 Uhr mir zwei Stunden lang ein komplexes Dossier mit schlauen Texten zu Gemüte geführt habe, das mir schlaue Archivare zusammen gestellt haben. Dann habe ich mich an den Rechner gesetzt, Texte Texte sein lassen und die Komplexität des Themas, über das ich seit 20 Jahren nachdenke (Verhältnis Staat-Religion) runter gebrochen und ein Exposé von vier Seiten in die Tasten gehackt. Drei Stunden. Dann diverse Interviewanfragen rausgehauen etwa an den katholischen Sozialdemokraten Wolfgang Thierse, den religionspolitischen Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion Raju Sharma und an Christian Lindner, den Ex-FDP-Generalsekretär, der  ausgesprochen schlaue Essays zum Thema geschrieben hat. Das sind auch die, die zugesagt haben. Die Namen der Absager nenne ich nicht. Waren aber alles Termingründe. Innerhalb weniger Stunden hatte ich Termine für den nächsten Tag. Parallel habe ich andere Dinge vorangetrieben.

An jenem Tag habe ich wie im Rausch 14,5 Stunden gearbeitet, zum allergrößten Teil kreativ. Und ohne eine größere Pause. Bis 20.30 Uhr. So etwas gelingt mir nicht oft. Es war also der 7. Fastentag – und das mit einem extremen Output.

Während all der Tage dachte ich: Wann klappe ich zusammen? Gibt es einen Rückschlag? Wann fahre ich mit dem Rad gegen ein parkendes Auto? Breche ich während eines Interviews zusammen und liege dann zu Füßen eines Bundestagsabgeordneten? Rede ich Unfug? Rieche ich?

All dies war nicht der Fall. Ich bin im Kopf klar. Körperlich fühle ich mich extrem gut. Ich habe mich sogar zu einer Jogging-Runde aufraffen können – zum ersten Mal, seit einer verschämten Runde in einem Wald in North Carolina vor einem Jahr.

Heute, an meinem 8. Fastentag, habe ich die ersten Interviews im Bundestag geführt. Klar, so viel kann da nicht schief gehen. Gute Gesprächspartner, eloquent, schlau. Aber dennoch: Vergisst ein Hungernder das Mikro anzumachen? Stellt er die wichtigste Frage nicht?

Ich fühlte und fühle mich sehr wach, und die Ergebnisse gibt es zu hören am 16.04.2012 im „Hintergrund„. Im DLF. Oder als Podcast.

Nun werde ich morgen, 10.02.2012, das Fasten brechen. Ich habe Hanns Zischler im Ohr, der ein Maus-Märchen geschrieben hat: „Lady Earl Grey“. Es geht ihm um Achtung vor den Kleinen, den Geringfügigen. Und ich will nicht zu viel verraten. Aber wie wir mit Tieren umgehen, das verabscheut dieser Grand Seigneur zutiefst. Ich werde auch was ändern.

Ich habe bewusst in der Fastenzeit gefastet. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich Erleuchtungen haben werde. Aber es ist schon erhellend, mal den Reset-Button zu drücken oder den Stecker zu ziehen. Ich boote mich. Mal schauen, wie lange das hält.

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4 Antworten zu Der achte Tag ohne Essen: zwischen Delirium und Euphorie

  1. Katharina Hamberger schreibt:

    Größter Respekt für die Disziplin!

  2. Bill schreibt:

    „Essen ist overrated“ ???!!! Essen ist leben! Leben ist Essen! Ich dachte, du wolltest nicht über die Fast bloggen? Naja …

    Du warst in der falsch Jahrzehnt geboren. Entweder in 20s oder 40s könntest du ganz einfach in Deutschland verhungern haben.

    … Ernst bin ich froh, dass du froh bist. Ich freue mich auf die nächste Treffen! (Nur für Brühe, natürlich.)

  3. Pingback: Mein Klassiker: Hanns Zischler, über den Vogelgesang – “Wo immer ich bin, höre ich den Vögeln zu” | Andreas Main

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