Taizé in Berlin: von Euro-Paletten und Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung

Die Communauté von Taizé wird mir verzeihen, wenn ich das schreibe: Ich habe jüngst einen Bruder dieser internationalen und überkonfessionellen ‚Ordensgemeinschaft‘ dabei beobachtet, wie er innerhalb von 90 Sekunden dreimal gegen deutsches Recht verstoßen hat: Er ist wiederholt über eine rote Ampel gefahren – und dies auf einem Fahrrad, das mir grenzwertig klapprig erschien.

Er kam vom Mittagsgebet in der (evangelischen) Marienkirche direkt am Alex und musste offenbar ganz schnell in eine Kirchengemeinde, um für das Europäische Jugendtreffen zu werben, das morgen in Berlin beginnt und am Neujahrstag endet. Und während deutsche Kirchen für solche Großereignisse kleine Behörden einrichten mit Marketing-Leuten und Pressesprechern und Helfern, machen die Brüder aus Taizé so etwas ohne jegliche Infrastrukur – und ohne Geld. Der auf einem mäßig verkehrstüchtigen Rad über rote Ampeln fahrende Frère N.N. (den Namen nenne ich nicht) ist für mich Symbol, wie Kirchen auch ticken können. (Btw, er hat selbstverständlich drauf geachtet, niemanden zu gefährden. Ich habe ihn verfolgt.)

Rund 30.000 junge Menschen sind nach Berlin gekommen: zum Europäischen Jugendtreffen von Taizé. Seit mehr als 30 Jahren ruft die Brüdergemeinschaft von Taizé Jugendliche aus ganz Europa auf, den Jahres­wechsel in einer europäischen Großstadt zu verbringen: Im Mittelpunkt stehen die internationale Begegnung und drei Gottesdienste täglich. Die jun­gen Leute übernachten überwiegend bei Privatleuten. Oder in Gemeindesälen und Schulen. Bis zuletzt wurden noch immer Privat-Quartiere gesucht. Zwei Quadratmeter reichten, hieß es.

Die jungen Menschen ver­sammeln sich täglich in den Messehallen, aber gehen auch in die Kirchengemeinden. Die Brüdergemein­schaft von Taizé hat es auch mit diesem Europäischen Jugendtreffen in alle Hauptnachrichten geschafft. Denn es ist ein Großereignis, das zum ersten Mal in im wieder vereinten Berlin stattfindet.

Am 27.12.2011, wurde mein Vorbericht zum Taizé-Treffen in der Sendung „Tag für Tag. Aus Religion und Gesellschaft“ gesendet.

Weil es vor ziemlich genau 25 Jahren in Ost-Berliner Kirchen schon einmal ein großes Taizé-Treffen gab und sich ein Bogen zu schließen scheint, ging es mir in diesem 6’30“ langen Stück vor allem darum, wie diese internationale und ökumenische Communauté aus einem kleinen Dorf in Burgund kontinuierlich in die DDR einreiste – quasi undercover und nicht abgesegnet vom Regime. Die Brüder reisten auch ’nach drüben‘, als es meine westdeutschen Klassenkameraden extrem uncool fanden, sich gegen die Teilung des Landes auszusprechen. Und es geht in diesem Beitrag um Ost-Berliner Menschen, die einiges riskiert haben, um bereits in den 80ern Taizé-Treffen zu organisieren. Ich versuche also die Brücke zu schlagen:

  • von engagierten Christen aller Konfessionen aus dem „Ostblock“ sowie aus dem Westen, die sich über Mauern hinweg solidarisierten
  • hin zu engagierten Christen aller Konfessionen, die sich heute mit minimalem Budget erneut dafür einsetzen, mit einem „Europäischen Jugendtreffen“ Mauern in den Köpfen einzureißen.

Während ich dies so schreibe, merke ich, dass sich das alles so anhört, als verfertigte ich irgendwelche Katalog-Texte für (evangelische) Kirchen- oder Katholiken-Tage. Beim Schreiben über Religionen rutscht man so schnell in etwas ab, was ich gar nicht mag.

Egal, ich bin zutiefst überzeugt, dass diese rund 100 ‚Ordensleute‘ (es ist kein echter Orden im kirchenjuristischen Sinn) etwas extrem Wichtiges leisten. Sie verwahren sich zwar gebetsmühlenartig dagegen, so etwas wie eine Bewegung zu sein, aber dennoch teile ich die Ansicht von Professor Wilhelm Gräb, der in dem Beitrag sagt, dass die Wirkung dieser Communauté de Taizé vergleichbar sei mit der Reformbewegung von Cluny. Im Mittelalter war das rund zehn Kilometer von Taizé entfernte Cluny das Zentrum einer extrem einflussreichen Erneuerungsbewegung in der Kirche des Westens.

Was der Religionssoziologe ausspricht, wird selten ausgesprochen. Kirchenhierarchen irritiert das – und die Brüder von Taizé tun alles, um den Ball flach zu halten. Was dazu führt, dass sie aufgrund ihrer sich selbst auferlegten Demut und Zurückhaltung konsequent unterschätzt werden – aber genau das wollen sie offenbar.

  • Falls der Beitrag mal aus juristischen Gründen auf der Site des Deutschlandradios nicht mehr zu hören ist, findet ihr ihn auch hier:

Europäisches Jugendtreffen der Gemeinschaft von Taizé in Berlin

Die Brüder haben in den drei Monaten der Vorbereitungsphase in einem Ex-DDR-Knast auf Euro-Paletten genächtigt. Das gesamte ‚Mobiliar‘ haben sie aus Taizé mitgebracht. Die extreme Einfachheit des Lebens ist einer der zentralen Punkte, der junge Leute anzieht: auch jene mehrere Dutzend jungen Menschen, die dieses Europäische Jugendtreffen in Berlin drei Monate lang ohne Lohn und freiwillig vorbereitet haben. In vielen, vielen Gesprächen, die ich in und über Taizé geführt habe, ist „Einfachheit“ das immer wieder kehrende Thema.

Diese Jugendtreffen sind organisiert von jungen Leuten für junge Leute. Dass sie sich auf Augenhöhe begegnen, ist meines Erachtens der Grund dafür, dass Hunderttausende junge Menschen in den vergangenen rund 40 Jahren prägende Tage in oder mit Taizé erlebt haben.

Und auch wenn 20jährige in Taizé das Heft in der Hand haben. Ich habe mich bei den beiden einwöchigen Aufenthalten in den vergangenen Jahren ausgesprochen wohl gefühlt, auch wenn ich der Vater derjenigen sein könnte, die in Taizé im Mittelpunkt stehen. Mir haben Tage in Taizé immer einen Vertrauensschub gegeben. Aus diesen Reisen ist eine dreistündige Sendung hervorgegangen. Die wird am Silvestermorgen gesendet: im Deutschlandradio Kultur um 0:05 h.

(Wer nächtens nicht hören konnte oder wollte, möge sich bitte an mich wenden. Es wird leider keinen Podcast geben, was wiederum rechtliche Gründe hat. Aber individuelles Teilen von Inhalten ist juristisch okay. Wie früher beim Cassetten-Mitschnitt! Für die, die sich noch daran erinnern können. Bitte mit mir Kontakt aufnehmen.

Jetzt noch ein kleine Ergänzung: Am 28.12. war ich von Mittag bis Abend in den Messehallen, um Eindrücke zu sammeln für mein Live-Gespräch am 29.12.2011 in der DLF-Sendung „Tag für Tag. Aus Religion und Gesellschaft“.

Hier lässt es sich nachhören:

Taizé an der Spree. Warum 30.000 junge Leute zum Europäischen Jugendtreffen nach Berlin kommen. Eindrücke und Einschätzungen.

Und ein paar Bilder möchte ich noch nachliefern. Die sagen ja mehr als 1.000 Worte. Um das Taizé-Treffen zu erreichen, kämpft man sich erst mal durch die räudigen Ecken des westlichsten West-Berlins:

Dort, wo sich definitiv nichts ändert.

Und in den Messehallen selbst sieht es aus, wie es in Messehallen aussieht. Da will eigentlich niemand hin.

Und dann dies: Mit denselben einfachen Mitteln wie in Taizé selbst machen die Brüder und 1.600 junge Helfer aus kahlen, kalten Hallen warme Orte:

Das ist Frère Emile, der aus Kanada stammt. Sein Englisch ist famos. Ein Genuss. Er ist einer der Älteren und Erfahreneren in dieser jungen Communauté. Er hat Humor – wie alle Brüder von Taizé. Sie haben sich über meine Beobachtung zur Straßenverkehrsordung und den roten Ampeln kaputt gelacht. Da seien sie alle ganz groß drin, sagte mir einer der Brüder. Aber auch seinen Namen gebe ich nicht preis.

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