Seit Monaten bin ich entsetzt – jetzt muss es raus.

Ich mache Fehler. Wir alle machen Fehler. So ist der Mensch. Deshalb mag ich keine Klugscheißer-Texte lesen. Jetzt schreibe ich selbst einen. Seit Wochen ringe ich mit mir, ob ich zur Übersetzung von Stephen Protheros Buch „God is not One“ schweigen soll oder nicht. Ich entscheide mich heute fürs Klugscheißen, da mir der Ärger und die Verzweiflung nicht aus dem Kopf gehen, die mich bei der Lektüre quälten. Um es vorwegzunehmen: Ich mache mir Sorgen um das deutsche Verlagswesen.

 

Ich habe vor einigen Wochen das Buch bereits im Deutschlandfunk vorgestellt und mich dort auf die Inhalte konzentriert, ohne aber das Übersetzungsdrama ganz außen vor zu lassen. Aber an dieser Stelle muss ich etwas strenger sein.

Weil der obige Link mittlerweile tot ist und der DLF seine Inhalte nach einer bestimmten Frist nicht mehr online anbieten kann, lade ich ihn hier hoch zum Anhören:

Stephen Prothero – God is not One

Stephen Prothero ist Religionswissenschaftler in Boston. Ich habe ihm viel zu verdanken: a) etwa den Anblick von Walen. Nach unserem Treffen in seinem Cape-Cod-Cottage empfahl er den Besuch eines bestimmten Strandes, von wo aus eine große Gruppe „right whales“ zu sehen war. Ein spektakuläres Phänomen. Es war CNN eine Story wert. b) Einsichten über „The Eight Rival Religions That Run the World – and Why Their Differences Matter“, so der Untertitel zum Erfolgsbuch „God is not One“  und c) folge ich ihm und seinem Blog und seinen Tweets mit großem Vergnügen.

Stephen Prothero ist das Gegenteil des verstaubten Gelehrten. Er ist regelmäßig präsent in liberal-media-Kontexten. Er traut sich auch in die von mir über alles geschätzte Show von Stephen Colbert: den Colbert Report, wo er sich hier hochnehmen lässt. Ein solcher Auftritt erscheint mir im deutschen Fernsehen nicht allzu wahrscheinlich.

Kurzum: Weil ich Stephen Prothero ausgesprochen schätze und sein Buch im Original jedem empfehlen kann, der eine nüchterne, distanzierte und zugleich wohlwollende Analyse der Weltreligionen lesen möchte, ärgere ich mich über die deutsche Version, die im Diederichs Verlag erschienen ist.

Da werden aus „eight rival religions“ im deutschen Titel neun Weltreligionen. Womöglich weil das Buch neun Kapitel hat und Übersetzer und Lektorat übersahen, dass es im neunten, letzten letzten Kapitel um Atheismus geht? („A Brief Coda on Atheism: The Way of Reason“). Und auch wenn die ’neuen Atheisten‘ manchmal missionarische Züge an den Tag legen – seit wann ist der Atheismus eine Weltreligion, Herr Übersetzer?

So was konnte ich anfangs ja noch als Petitesse durchgehen lassen, wenngleich es im Original heißt es auf Seite 139: „Excavations conducted in the early 1920s at…“ Auch bei stilistischen Holprigkeiten dachte ich: Wer bin ich mit meinem armseligen Englisch, dass ich einen Übersetzer kritisiere? Zumal manch einer meint, über Geschmack könne man streiten.

Aber spätestens hier wurde mir klar, dass der Übersetzer bar jeder Fachkenntnis ist. Es geht Prothero um die christliche Diversity, die er konstatiert: hier feministische Theologinnen und dort Macho-Fundamentalisten; hier Anglikaner, die sich auf eine ordentliche Liturgie fokussieren und dort Pfingstler, die sich der Zungenrede hingeben. So steht es auf Seite 134:

„Christians have their feminist theologians and their macho fundamentists, their ’smells and bells‘ Anglicans and their speaking-in-tongues Pentecostals.“

Mit Verlaub: Die Übersetzung ist sprachlich und inhaltlich an vielen Stellen irreführend und verdreht die Aussage des Autors. Das geht so weit, dass an diversen Stellen Zahlen falsch übersetzt werden. Aus 17.000 werden 1.700 – und die Zeitrechnung gerät auch durcheinander:

Im Original steht B.C.E., also vor unserer Zeitrechnung. (S.104) Das macht eine nicht unerhebliche Differenz von 272 Jahren.

Ich will mich nicht erheben über die Produktionsprozesse in Verlagen, in die ich kaum Einblick habe. Es wird dort Kostendruck und Zeitnot geben. Schon gar nicht will ich den freien Übersetzerkollegen vorführen und verzichte daher auf die Nennung des Namens. Er sitzt nur ein paar hundert Meter entfernt in einem Gemeinschaftsbüro. Ich kenne ihn nicht. Womöglich hat er einen Stundenlohn eines Putzmannes eingefahren. Aber wieso übersieht dann auch noch das Lektorat solche Klopper? Oder wissen Lektoren heute nicht mehr, dass der Konfuzianismus keine Kirche ist?

Auf S. 105 heißt es korrekt: „Confucianism has no formal religious hierarchy …“

Das hat Stephen Prothero nicht verdient.

Es ist das erste Mal, dass ich eine englische und eine deutsche Variante eines Buches intensiv verglichen habe. Es hat mich aus den Puschen gehauen. Ich habe mich geärgert, habe geflucht, habe den Mund nicht mehr zu gekriegt. Diejenigen, die so was öfter machen, sind womöglich weniger erstaunt als ich. Für mich war das erste Mal ein Schock! Ich vertraue niemand mehr – auch nicht renommierten Verlagen. Wie wollen Holzmedien, denen ich nach wie vor Respekt entgegen bringen möchte, überleben, wenn sie mit „kirchlichen Hierarchien im Konfuzianismus“ ihr eigenes Grab schaufeln?Ohne Vertrauen keine Existenzberechtigung.

Es müsste doch möglich sein, einen renommierten US-(Religions-)Wissenschaftler von jemand übersetzen zu lassen, der den Hauch einer Ahnung von fachwissenschaftlichen Zusammenhängen hat? Hätte ich nicht zu viel zu tun, ich würde mich bewerben, um dann womöglich festzustellen, was für ein hartes Gewerbe das ist.

Meine Empfehlung: das Original lesen! Selbst mit mittelmäßigen Englisch-Kenntnissen lässt sich das Denken Protheros besser erfassen als in einer Übersetzung, die rumpelt und Protheros Thesen zum Teil verdreht.

P.S.: Die hier präsentierten Bildschirmfotos aus der deutschen Übersetzung habe ich der digitalen Vorab-Fahne entnommen. Ich habe überprüft, ob Fahne und gedrucktes Buch identisch sind. Sie sind es. Alle Fehler finden sich 1:1 auch in der gebundenen Fassung.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Religionen abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Seit Monaten bin ich entsetzt – jetzt muss es raus.

  1. Muriel schreibt:

    Ich verstehe dein Entsetzen, aber ich fürchte, das ist kein Einzelfall.

  2. Pingback: Ah ja, die jüdische Kirche … | Andreas Main

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s