Ein „Plänchen“, ein Stararchitekt und ein Bauwunder in der Eifel #Zumthor

Die Geschichte ist zu schön, um wahr zu sein. Aber sie ist wahr und geht ungefähr so: Ein Bauer in der Eifel will eine Kapelle bauen – auf seinem Land. Er schreibt einen Brief. Per Hand. Und zwar an einen der weltweit berühmtesten Architekten – meines Erachtens dem besten. Peter Zumthor schreibt handschriftlich zurück.

 

Er sei erstens sehr sicher zu teuer für den Landwirt und zweitens der modernen Architektur verpflichtet. Wenn er aber von dieser Antwort nicht allzu geschockt sei, könne er gern noch mal Kontakt aufnehmen. Das geschieht. Die Bauernfamilie in dem kleinen Eifeldorf lädt ihn zum Kaffee ein. Sie laufen mit Architekt über die Felder. Am Ende ist man sich einig – Peter Zumthor verzichtet auf sein Honorar. Das „Plänchen“, um das er in schönstem rheinischen Dialekt gebeten wurde, gibt es umsonst.

Wie die Legende Wirklichkeit wurde, ist aufs Feinste in der FAZ (2007) beschrieben – auch wie Landwirt Hermann-Josef Scheidtweiler nebst Frau eine „Stampfmannschaft“ ins Leben riefen. Nachbarn stampften den Beton über Monate hinweg. Schicht für Schicht, aus Materialien der Region, nach Methoden der Region. In Wachendorf wirkt Beton nicht wie Beton – jedenfalls nicht wie jener Beton, den wir dereinst mit Sponti-Sprüchen belegten.

Wer was zu vererben hat oder eine Spendenquittung braucht: Es gibt eine Stiftung, die sich darum kümmert, dass dieser Bau gepflegt und erhalten wird. Wobei ich, je länger ich über diese Bruder-Klaus-Feldkapelle nachdenke, den Eindruck bekomme, dass ihr eine zutiefst buddhistische Botschaft des Werdens und Vergehens, des Übergangs, des Verfließens eingeschrieben ist. Dieser Bau wird sich über die Jahrzehnte verändern. Denn er ist der Natur ausgesetzt. Die Bruder-Klaus-Feldkapelle hat ein offenes Dach. Es regnet rein.

Also, wenn ich die Baugeschichte richtig verstanden habe, dann sind Architekt, Bauer und Stampfmannschaft so vorgegangen. Sie legen Fichtenbaumstämme zu einem Art Wigwam aneinander. Dieses Zelt umgießen sie mit Beton. Dann fackeln sie das Zelt ab – mithilfe eines Schwelbrands. Die Hölzer lösen sich. Die Betonschale bleibt. Sie zeigt bis heute die Struktur der Stämme sowie den Ruß des Brandes.

Mit einem Kran werden die Stämme aus dem Loch im Dach heraus gehievt. Erst jetzt wird die äußere Hülle um diese zerbrechliche Zelthöhle herum gebaut. Von den schon erwähnten „Stampfmannschaften“.

Dass die äußere Hülle und der innere Kern so wenig zusammen gehen, lässt mich nun seit Wochen nicht los. Ich versuche es zu erklären. Die äußere Hülle ist auf einem Fünfeck gebaut. Allerdings erscheinen mir die Schenkel unsymmetrisch. Oder ist das per se so bei einem Pentagon? Nunja, innen ist alles rund. Der Grundriss hat was amöbenartiges. Es ist wieder dieses Babuschka-Prinzip, wie es mir am Tag zuvor durch den Kopf ging: beim Besuch des erzbischöflichen Museums Kolumba in Köln. Auch dort Haus im Haus.

Die Bruder-Klaus-Feldkapelle ist Nikolaus von Flüe gewidmet, einem katholischen Heiligen, der nicht nur in Zumthors Schweizer Heimat verehrt wird. ‚Bruder Klaus‘ führte das Leben eines Eremiten, und so ist auch das Innere dieses Baus ganz reduziert auf eine kleine Bank, auf Kerzen, eine Skulptur und jenes Meditations-Rad, von dem Nikolaus von Flüe hoffte, dass es ihn weiter bringen würde.

Mich berührt dieses bürgerschaftliche Engagement eines Landwirts, das Über-den-eigenen-Schatten-Springen eines preisgekrönten Architekten. Diese Kapelle ist auch ein Argument dafür, dass rund um den Rhein so viel Herz und Hirn versammelt ist, dass es sich nach wie vor lohnt, in Bonn, Köln oder Düsseldorf zu leben.

Und eigentlich erzähle ich diese Geschichte hier nur, weil ich stark den Eindruck habe, dass selbst viele Rheinländer nichts von diesem Ort wissen.

Und wer sich dann von diesem Raum trennen kann, dem sei anempfohlen, in der Gegend zu wandern. Ach ja: Bitte unbedingt dem Wunsch aller folgen und nicht mit dem Auto vorfahren! Das verdirbt allen den Tag. Es gibt am Dorfrand einen Parkplatz, von dem aus die Bruder-Klaus-Feldkapelle leicht zu Fuß zu erreichen ist.

Und noch besser ist es natürlich sich via gpsies und mobiler GPS-Geräte eine schicke Route zusammenzubauen und sich diese Kapelle zu erwandern. (Für den Gpsies-Tipp bedanke ich mich bei dem Herrn, der mit seiner Tondatei die Welt schöner macht.)

Eine Wanderung zur Kapelle – das geht natürlich auch mit der guten, alten Wanderkarte.

Wie auch immer: In Wachendorf werden Architekturpilger zu Bruder-Klaus-Pilgern. Und Bruder-Klaus-Pilger werden zu Architekturpilgern. Das Ergebnis ist ein und dasselbe: gute Laune, die nachklingt.

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3 Antworten zu Ein „Plänchen“, ein Stararchitekt und ein Bauwunder in der Eifel #Zumthor

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