Transzendenzdröhnung: die Babuschka-Häuser von Peter Zumthor

Häuser von Peter Zumthor sind das Gegenteil von Google+, Facebook und Twitter. Sie sind eher wie Diaspora, jenes soziale Netz, das ruhig und unaufgeregt daher kommt. Diaspora ist der Rückzugsraum für social-web-Geschädigte. Peter Zumthors Gebäude sind Rückzugsräume für Trash-Geschädigte. Sie sind meditativ, spirituell und erhaben. Oder wer es nicht so pathetisch und semi-fromm haben mag: Sie sind einfach schön.

Es ist in Katalogen und Zeitungsartikeln alles über Zumthor gesagt worden. Und Schlaueres als das, was mir hier einfällt.  Auch die aktuelle Berichterstattung kann ich hier nur auslassen. Gerade hat er in London gebaut. Und die Bilder aus Norwegen sind auch bewegend. Aber dieses Wochenende in rheinländischen Zumthor-Gebäuden klingt nach.

Kolumba ist das erzbischöfliche Museum in Köln. Es strahlt eine solche Würde ab, dass der Besucher versöhnt ist mit all dem architektonischen Schrott, der in dieser Stadt zu sehen ist. Vieles in Köln ist verzichtbar, was bleibt sind der Dom, die romanischen Kirchen und dieses Diözesanmuseum – , es ist die katholische Kirche, die jenes gebaut hat, an das nichts in Köln auch nur ansatzweise heranreicht. Dieser Bau verkörpert etwas, was es in einer Investoren-Welt der Malls und Ärztehäuser kaum mehr zu geben scheint.

Ganz ganz schöne Kolumba-Fotos (bisher zumindest zwei) gibt es in dieser Woche (zu finden unter 12. und 13.7.2011)  auch bei a picture a day.

Nun lag Köln 1945 in Trümmern. Manch eine Kirche wurde direkt wieder aufgebaut, andere Jahrzehnte später, wieder andere wurden zu Mahnmalen wider die nationalsozialistische Diktatur und den blutigen Vernichtungskrieg, den unsere Vorfahren losgetreten haben. Auf anderen Ruinen wiederum bauten Nachkriegsarchitekten moderne Kirchen. Wie etwa hier: Madonna in den Trümmern, 1950 geweiht, eine kleine Kapelle von Gottfried Böhm, der laut einschlägigem Netzlexikon wohl einzige deutsche Architekt, der jemals den Pritzker-Preis bekommen hat. Diese Kapelle wiederum steht nicht nur an Stelle der zerbombten Vorgängerkirche, sondern auch auf antiken Häuserfundamenten und auf den Fundamenten diverser Vorgängerkirchen. All das wird ummantelt von Peter Zumthors Museum.

Ich nenne das das Babuschka-Prinzip, das sich am besten erlaufen, erleben oder womöglich mit Bildern zeigen lässt.

Dies ist die Kapelle von innen (Böhm integriert alte, nicht zerstörte Mauern in seinen 50er-Bau:

Hier die Decke dieses Kleinods:

Nun dieselbe Kapelle von außen resp. von innen, weil im Museum Zumthors. Ich sage nur: Babuschka.

Auch den Vorvorvorvorfahren  wird Respekt erwiesen.

Das ganze ist eine Kirche auf der Kirche im Museum. Aber alles kommt zu seinem Recht. Die Kirche bleibt eine Kirche und wird nicht zum Museum, das sie ummantelt. Und das Museum ist ein säkularer Raum, wenngleich vom Geist des Bauherrn und Architekten durchflutet.

Jetzt also raus aus dem Erdgeschoss und dem Keller hinauf ins Museum, was auch schon wieder nicht korrekt ist. Denn der Museumseingang ist ebenerdig. Um diesen komplexen Entwurf wirklich zu begreifen, reichen keine zwei Besuche wie in meinem Fall.

Auf mehreren Geschossen ist (überwiegend) Zeitgenössisches und Historisch-Sakrales zu sehen, sich ebenso ergänzend wie alte und neue Architektur. So wie ohne eine trennende Fuge zweitausendjährige Architekturgeschichte in einem Haus vereinigt sind, sich Kirche und Kapelle und Museum nach dem Babuschka-Prinzip „liebevoll umarmen“ (Zumthor), so scheinen sich auch Künstler verschiedener Jahrhunderte wechselseitig voreinander zu verneigen.

Im übrigen gibt es in diesem Museum kein Museumscafé, sondern einen Lesesaal. Wer hätte hier auch Zeit zu essen oder zu trinken. Das ist ein Haus für Herz und Hirn, weniger für den Magen.

Am Bild vom Lesesaal verschluckt sich WordPress immerfort. Womöglich bin ich an die upload-Grenze gestoßen. Ein Wink mit dem Zaunpfahl. So werde ich mich nicht mehr in diesem Blogpost, sondern in den kommenden Tagen zur Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel äußern.

(Was mitttlerweile geschehen ist. Und zwar hier. Was für ein Cliffhanger.)

Ein Vorgeschmack: das Aufmacher-Bild ganz oben. Da gilt im übrigen auch das Babuschka-Prinzip.

Also: Erst Kolumba, dann diese Kapelle – alles an einem Wochenende: eine Offenbarung, eine Transzendenzdröhnung.

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3 Antworten zu Transzendenzdröhnung: die Babuschka-Häuser von Peter Zumthor

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