Folter, Twitter, Rabbis, Imame, Evangelikale – eine Anti-Torture-Konferenz an der Duke University in North Carolina

Folter durch die CIA, Folter in US-Gefängnissen – das ist nun wirklich nicht mein Thema. (Also, in dem Sinne, dass ich keine tieferen Kenntnisse habe, mir sich bei diesem Thema nicht das komplette juristische Vokabular erschließt und ich als deutscher Besucher in den USA keine Ratschläge geben möchte.) Ich bin trotzdem hingegangen zu dieser Konferenz an der Duke Divinity School. So viel Amerika-Kritik habe ich selten gehört. Und das mir! Als des Teufels Advokat gebe ich ja gerne den Anti-Anti-Amerikaner. Gerade wenn sich Deutsche äußern, die niemals selbst in den USA waren. Also, das waren rund 12 Stunden Selbstkritik vom Feinsten.

Ich möchte hier nicht den Folter-Experten geben. Nur ein paar Eindrücke von dem, wie hier eine Human-Rights-Konferenz abläuft, was sich mithin unterscheidet oder mir speziell erschien.

Also, es haben fünf Menschen getwittert – und zwar live und präzise. Das lässt sich nachlesen unter #tamcat. Besonders engagiert war Travis Greene. Ich weiß nicht, wie es heute aussieht: Aber würde in Deutschland im akademisch-kirchlich-islamisch-jüdischen Kontext jemand twittern? Wir haben vor 25 Jahren Notizen in Notizblöcke geschrieben und uns gefragt, wie wir das kommunizieren sollen?

Toward a Moral Census Against Torture – so hieß die Versammlung von Klerikern, Rabbis, Imamen, Studenten, Professoren und Interessierten – vorbereitet von Prof. Amy Laura Hall. Sie ist Theologin an der Duke Divinity School. Es gibt eine Verbindung dieser Hochschule mit der United Methodist Church. Ich war also erstmals in einer Presbyterian Church, was wiederum eine andere Kongregation ist. Die religiöse Vielfalt in den USA – nunja, unsereins verliert da schon mal den Überblick.

Auffällig, wie selbstverständlich verschiedene Religionsgemeinschaften zusammenkommen. Da wird nicht von Trialog oder Dialog schwadroniert, sondern einfach miteinander geredet. Hier: Ingrid Mattson, die Präsidentin der Islamic Society of North America und christlich-islamische Studien lehrt.

Eine Muslimin hinter christlicher Kanzel, ein ehemaliger Brigadegeneral (oder auch Einsternegeneral) neben einer Civil-Rights-Aktivistin – das ist schon eine bunt gemischte Veranstaltung. Der Ex-Soldat, der 28 Jahre gedient hat, Stephen Xenakis, ist nach wie vor schockiert von den Bildern aus Abu Ghreib und Guantanamo: „My army has lost the moral high ground.“ Das ist das Trauma, an dem hier alle arbeiten, um zugleich festzustellen, dass viele lieber die Augen verschließen vor Folter und Grausamkeit, verübt durch Organe der Vereinigten Staaten.

Natürlich sind das keine Neuigkeiten, aber es bewegt schon, wenn ein älterer General sagt: „Wenn das Militär in Folter verstrickt ist, dann schwächt das die Armee, weil es unverantwortlich ist. Es schadet unserem Land.“

Und er verweist auf die Macht von Twitter, Facebook und Social Media und Movements. Er ermutigt diese Aktivisten, sich noch mehr gegen Folter zu engagieren. Das sei der beste Weg, dem eigenen Land zu dienen.

Am nächsten Tag geht es um die Haltung von Muslimen, Christen und Juden zu Folter. (Reihenfolge wie auf dem Foto von links nach rechts). Natürlich sagen alle, das die Würde des Menschen unantastbar sei und das Folterverbot unteilbar. Also, keine Ausnahmen.

Was mich fasziniert: diese drei Männer spiegeln etwas wider, was wir so nicht haben:

Abdullah Antepli ist der Muslim Chaplain der Duke University. Er sagt, eine Gesellschaft, die Folter zulässt, ist krank. Sie foltert sich selbst. „Wir foltern uns selbst.“ Er ist in der Türkei geboren. Er spricht immer wieder ganz selbstverständlich von „wir“ und von „uns“, wenn er von den USA spricht.

Kalman Bland ist Rabbi und Professor für jüdische Studien an Duke. Ganz der Intellektuelle.

Richard Cizik war mal evangelikaler Lobbyist. Er kommt genau aus dem Milieu, das wir in Deutschland so gar nicht verstehen. Weil er heute ausgerechnet im evangelikalen Milieu für Bürgerrechte, Umweltschutz und ähnliches wirbt, gilt er als ausgesprochen einflussreich.

Unterschiedlicher könnten die drei kaum sein. Aber wie sie miteinander ins Gespräch kommen – das fasziniert.

Nun, hier war die Demokraten-Blase versammelt. Keiner der rund 200 Kongress-Teilnehmer dürfte jemals einen Bush oder einen McCain gewählt haben. Das ist wohl nicht alles so repräsentativ:

Dennoch hat diese Veranstaltung mein Welt- und USA-Bild in einigen Punkten verändert:

  • Freikirchliche und / oder evangelikale Positionen können sehr differenziert sein.
  • US-Amerikaner sind womöglich stolz auf ihr Land, sie können aber deswegen in einem Maße konstruktiv-selbstkritisch sein, das ich so in keinem anderen Land erlebt habe.
  • Muslime in den USA sehen sich als Teil der Gesellschaft, wenngleich sie sich doppelt bedroht fühlen: von extremen Muslimen wie von Xenophobie nach islamistisch motvierten Attentaten in den USA.
  • Juden, Muslime, Christen reden hier weniger befangen miteinander.
  • Social Media sind immer dabei.

Dieses Land, das manchmal abgeschrieben wird, hat eine große Zukunft. Ich bin überzeugt, dass solcherlei Selbstkritik wie von Prof. Amy Laurie Hall positive Früchte tragen wird: „Wir brauchen eine nationale, kollektive Psychotherapie. Wir müssen uns fragen: Warum haben wir nicht nur weg geguckt, als gefoltert wurde, warum hat mein Volk die Folter in gewisser Weise gewünscht und gewollt?“

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