Was ist los? Dirk von Lowtzow singt „Hallelujah, Jesus lebt!“

Es passiert was in Deutschland. Wir werden fromm. Dirk von Lotzow (Tocotronic) singt das Kirchen-Lied „Preis dem Todesüberwinder“.

Sorry, mir läuft es kalt den Rücken runter, wenn Dirk von Lowtzow singt:

„Wenn ich aus dem Grabe geh, wenn mein Leib verkläret ist…“

All dies auf einem am 11. Februar 2011 erschienen Album von Michaela Meise. Das ist nun keine Produktion aus den einschlägig bekannten Kreisen. Hier sind nicht die üblichen Verdächtigen am Werk.

Plem (von der wunderbaren Tondatei) hat mich vor rund zwei Wochen drauf hingewiesen. Dafür danke. Er verwies auf Intro. Dort schreibt Thomas Venker:

„Künstlerin Meise kokettiert, dass sie nicht verwundert gewesen wäre, wenn Gastmusiker Dirk von Lowtzow beim Singen der christlichen Songzeilen die „Zunge schwarz verfault und aus dem Mund gebröselt wäre“. Großartig schmerzende Musik.“

Seitdem lässt mich das nicht los. Und es ergeben sich so viele Fragen, die ich hier ungeschützt ausbreite.

  • Was sagt das über mich, wenn diese denkwürdige Produktion mich anrührt?
  • Sollte ich das als freier Redakteur in einer der nächsten Sendungen im Deutschlandfunk dies zum Thema machen?
  • Etwa Michael Meise ins Studio bitten – etwa bei Corso. Kultur nach drei“? Sie ist auch bildende Künstlerin.

  • Oder ist das übergriffig?
  • Sollte ein öffentlich-rechtliches Programm so neutral sein, dass es Menschen nicht mit „Wer nur den lieben Gott läßt walten“ beschallt?
  • Was bewegt eine bildende Künstlerin wie Michaela Meise und einen Musiker wie Dirk von Lowtzow sich dem Verdacht auszusetzen, den Jugendgottesdienst wiederaufleben zu lassen?
  • Gibt es eine diffuse Sehnsucht, weil christliches Gedankengut gerade im Orkus des Vergessens zu verschwinden scheint?
  • Sollte ich mal mit meinem nicht vorhandenen Therapeuten reden, weil mich etwas anrührt, was viele von Euch mit Hohn und Spott überschütten werden?

Ich muss immer wieder diese Strophe hören, gesungen vom Tocotronic-Mann:

„Wenn ich, Herr, Dein Antlitz sehe, oh, mein Mittler, Jesus Christ, wenn Du Dich mir hast enthüllet, ist mir jeder Wunsch erfüllet…“

Weitere Kirchenlieder, die Michaela Meise interpretiert: unter anderem „Morgenstern“ und „Ich will Dich lieben“. Gibt es offenbar als Vinyl und bei Itunes.

Und obschon ich kein Prophet bin: Da ist was im Umbruch. Denn Frau Meise ist kein Einzelfall. Es gibt weitere Phänomene dieser Art gibt – etwa Maria Mohr und ihren Klosterfilm „Bruder Schwester“. Auch sie offenbar, wie sie am Anfang des Films sagt, alles andere als die klassische Kirchgängerin.

„Kühne Konstruktion von Geschwisterschaft: irdische, in der Familie, und spirituelle, im Kloster und in der Hingabe an Gott. Ungewöhnliche Lesart von Freiheit und Religion.“
(53. Internationales Leipziger Festival für Dokumentarfilm)

Auch das ist kein Film für die Pfarrbibliothek von Dülmen. Es ist großes Kino – allerdings sehr zerbrechlich und zart. Ich habe erst die ersten 20 Minuten gesehen. Der Film wird am 9.März 2011 eine Preview im Kino Arsenal in Berlin geben. Kinostart ist am 24.März.

Ich rufe hier mal ein großes Thema aus: Nicht-kirchen-affine mittelalte Intellektuelle interessieren sich für ihre christlichen Wurzeln. Ich werde dem nachgehen.

(Nachtrag ein paar Tage später: Dass die beiden auch noch die Initialen MM haben, kann doch kein Zufall sein. Aber ich vermute, die beiden kennen sich nicht. Nach Euren Reaktionen auf verschiedenen Rückkanälen und weiterem Grübeln habe ich auf jeden Fall beschlossen, dieses Phänomen im DLF zum Thema zu machen.)

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13 Antworten zu Was ist los? Dirk von Lowtzow singt „Hallelujah, Jesus lebt!“

  1. Pingback: mari am ohr » Blog Archive » mm x2 / deutschlandfunk / 1.3.11

  2. Lara schreibt:

    Hab es vorhin bei Corso gehört. Ich sag es mal so: Natürlich ist das kein schlechtes Lied. Wie viele andere Kirchenlieder ist es sehr eingängig, im Gegensatz zu vielen anderen aber nicht eines dieser traurigen „wir drücken unser Leid in dicke schwarze Noten“ Gesänge. Durch die Begleitung klingt es zudem eher wie Folklore, die man am Lagerfeuer spielt und gesungen wird es von zwei guten Stimmen (ich persönlich mag Lowtzows Stimme nicht so gerne, aber egal, Geschmackssache). Vielleicht ist auch einfach die Tatsache, dass man es Leuten wie Lowtzow ohnehin nicht abnimmt, dass sie es ernst meinen (könnten), die verhindert, dass man Lieder mit Hinblick auf den Text bewertet. Ich werde es mir vielleicht noch zweimal anhören, dann aber werde ich anfangen mich über das Kokettieren mit Texten, hinter denen man nicht steht, aufregen und es vergessen. Denke ich.

    • andreasmain schreibt:

      Lara, danke für Deinen Eindruck und danke, dass ich so auf Dein palimpsest.eu aufmerksam wurde. Ich bin gespannt, ob Du es so schnell vergisst?!? Ich versuche das auch seit rund zwei Wochen – und ich bleibe hin- und hergerissen. Und ist es wirklich Koketterie? Ich bin nicht sicher. Wir haben übrigens nach der Sendung, da verrate ich wohl nicht zu viel, recht kontrovers diskutiert, ob es gut war, das auszuspielen.

      • Lara schreibt:

        Ganz ausspielen fand ich in Ordnung, warum nicht? Da wurden schon ganz andere Lieder ausgespielt (das hier ist mir in besonderer Erinnerung geblieben, ist schon Jahre her).

        Ist es Koketterie? Kommt wohl darauf an, was man als Koketterie bezeichnet. Das Lied steht natürlich nie einfach für sich, aber ich würde sagen, dass in der konventionellen Interpretation die Sakralität im Zentrum steht. Allein das Setting (kein choraler Gesang + Akkordeon + nicht irgendeine Begleitung, sondern Tocotronic Frontmann von Lowtzow) erinnert – wie das dann auch im Gespräch aufgegriffen wurde – eher an ein Kinderlied, vielleicht an Folklore, ganz bestimmt aber nicht an ein Kirchenstück. Ich finde es kokett damit zu spielen, aber das heißt ja nicht, dass es unzulässig, falsch oder billig wäre. Es ist eine interessante und gut umgesetzte Idee. Und der Grund weswegen ich glaube, dass ich es nur ein paar Mal anhören werde ist weniger Michaela Meise, sondern die Tatsache, dass ich Tocotronictexte meistens pseudokritisch finde und daher eine leichte (und gewissermaßen ungerechtfertigte) Abneigung gegenüber ihren Autoren entwickelt habe. War nicht immer so. Irgendwann habe ich den Eindruck bekommen, dass bedeutungsvolles Reden oder Agieren bei Tocotronic reine Methode ist und fand es ziemlich öde. Daher komme ich nicht umhin ähnlich avantgardistische Akte ebenso zu interpretieren, was dann auch auf die mir vorher gänzlich unbekannte Michaela Meise abfärbt. Wie gesagt, nicht unbedingt fair sondern eher ein persönliches Bauchgefühl.

  3. Cornelius schreibt:

    Mein Zugang ist auch alles andere als ein christlicher – aber zuallererst muss ich sagen: Das Lied ist ein echter Ohrwurm. Wie viele (wohl die meisten), die das Lied kennen, habe ich es auf dem SPEX-Sampler gehört, und seitdem bekomme ich es nicht mehr aus dem Kopf. Vor allem durch Lowtzows Anwesenheit habe ich mich automatisch bemüht, in dem Ganzen eine kritische Komponente zu finden, quasi einen Subtext, der das Ganze ironisieren würde o. Ä. Aber jetzt, wo ich auch mehr über Meise gelesen habe, denke ich, dass ihr Zugang, der ja doch wohl vor allem über den Chanson lief, vor allem mit ihrer Liebe zur Lyrik (und dann doch mehr als mit der zu Jesus) zu tun hat. Immerhin ist der Text von Klopstok, nicht von Ratzinger. Das Lied ist ein schönes, punctum.
    Ich bin übrigens, wie gesagt, nicht gläubig, aber ich finde es dennoch falsch, über Dinge wie den Jugendgottesdienst von vorneherein abfällig-spöttisch zu reden. Unser Land ist und bleibt so christlich geprägt wie die gesamte westliche Welt. Und man sollte nicht den Untergang eben jenes Abendlandes beschwören, wenn ein paar Künstler sich bestimmter Chiffren aus der christlichen Tradition bemühen. Mich macht das nicht nachdenklicher als die pseudo-Nazifizierung des EBM und die pseudo-Satan-Symbolik des Black Metal in den Achtzigern … 😉

    • andreasmain schreibt:

      Keinesfalls wollte ich über Jugendgottesdienste „von vorneherein abfällig-spöttisch reden“. Ganz im Gegenteil. Ich habe sogar katholische Theologie studiert, bin auch Kirchenmitglied. Nein, es ging mir mehr darum, dass ich mich kritisch hinterfragte, ob es journalistisch okay ist, das im Deutschlandfunk zum Thema zu machen, weil es auch Nicht-Gläubige, Juden, Muslime, Hindus gibt, die GEZ bezahlen. Ich wollte niemanden penetrieren. Und es gibt durchaus kirchliche Tendenzen, die in einem öffentlich-rechtlichen Programm nicht so viel zu suchen haben, meines Erachtens. Es gibt da sog. Sakropop, den Du, Cornelius, wohl auch nicht hören wolltest. Aber was Meise da macht, ist ganz anders. Vor allem biedert es sich nicht an. Nimmt diese alten Traditionen ernst. Ich teile jeden Satz, den Du schreibst. Ich finde die ganze Platte bewegend. Aber ich dachte zunächst, ich hätte einen an der Klatsche. Wochen stehe ich dazu, dass ich dieses Album mag.

      Wir haben es dann so gelöst. Michaela Meise wollte bzw. konnte nicht im Deutschlandfunk auftreten. Wir haben das Lied gespielt. Und dann mit Maria Mohr geredet, auch eine junge, popkulturell geprägte Frau vom Schlage Michaela Meise. Sie hat einen Klosterfilm gedreht.

      Kein Untergang des Abendlandes! Ganz im Gegenteil. Selbiges geht eher unter, wenn die jüdisch-christlichen Traditionen ignoriert werden. Meine ich.

      • andreasmain schreibt:

        Wollte sagen: „Wochen später stehe ich dazu, dass ich dieses Album mag.“ (Btw, gibt es eigentlich eine Korrekturfunktion bei WordPress?)

  4. Flash schreibt:

    Es war eine Meisterleistung, dieses Lied im DLF voll auszuspielen, Herr Mein. Und zwar gerade im Zusammenhang mit ihrer Aussage weiter oben:

    „Nein, es ging mir mehr darum, dass ich mich kritisch hinterfragte, ob es journalistisch okay ist, das im Deutschlandfunk zum Thema zu machen, weil es auch Nicht-Gläubige, Juden, Muslime, Hindus gibt, die GEZ bezahlen.“

    Das zeigt doch, daß es mittlerweile nichts Exotischeres, Abwegigeres in Intellektuellenkreisen gibt als ernsthafte UND dabei noch unreflektierte, naive Beschäftigung mit dem christlichen Glauben. Dies ist doch regelrecht verpönt.

    Ansonsten ist nämlich journalistisch nahezu alles okay, auch im DLF, und der Islam hat heute die Stelle des Christentums eingenommen – er wird als spirituell und sakrosankt betrachtet. Niemand würde sich fragen, ob positive Berichterstattung über Islam, Hinduismus oder Judentum „jounalistisch okay“ ist. Kein Mensch.

    Einzig und allein das Christentum gilt heute als Zumutung, No-Go, als unsäglich.

    Ich kann Ihnen versichern, daß es (neben mir) noch sehr viele Hörer gab, denen bei dem Lied ein Schauer über den Rücken lief – und die es schlichtweg nicht fassen können, daß im linken DLF so etwas überhaupt passiert.

    Welche Skrupel das bei einem Journalisten auslöst (der noch dazu Kirchenmitglied und Theologe ist) rückt das Bild freilich wieder ganz gerade.

    Ich verstehe nicht, worin die Minderwertigkeit und Lächerlichkeit des Christentums gegenüber Islam, Hinduismus etc. pp. bestehen könnte, daß es so peinvoll versteckt werden muß.

    Denn eins ist klar: Muezzinrufe oder hinduistische Tempelgesänge lösen bei weit weniger Menschen einen Schauer aus als dieses Lied oder eben die ganze CD von Michaela Meise.

    Auch wenn sie dermaßen gehetzt singt, als wolle sie direkt sagen: das ist eigentlich nicht der Stoff, mit dem ich mich identifiziere.

    P.S.: Ich zahle selbstverständlich keine GEZ.

    • andreasmain schreibt:

      a) Ich werde nicht in die Falle tappen und auf den polemischen Ton polemisch antworten. Weder dieses sensible Album von Michaela Meise noch dieses Blog, das ich nicht als K(r)ampf-Internetforum ansehe, haben das verdient. Dafür gibt es andere Orte im Netz. Zuhauf.

      b) Ich antworte hier als Privatmensch und nicht als jemand, der für den DLF sprechen kann. Dafür wenden Sie sich bitte an den Hörerservice des „linken DLF“ (That’s a good one!“)

      c) Ist es nötig, dass ich den Unterschied von Journalismus und Verkündigung in öffentlich-rechtlichen Programmen erläutere? Für die Verkündigung gibt es festgelegte Plätze, die offiziell ausgehandelt werden: etwa Morgenandachten, der Sonntagsgottesdienst oder „Shalom. Jüdischen Leben heute“. Darüberhinaus ist ein journalistisches Programm keine Abspielstation für Kirchenlieder oder buddhistische Gesänge oder was auch immer. Missionierung kann machen, wer will. Wir leben in einem freien Land. Es ist nicht die Aufgabe des Journalisten. Journalistische Aufgabe ist es, religiöse Phänomene neutral einzuordnen. Dies ist in diesem Fall und in dieser Kultursendung meines Erachtens gut gelungen.

      d) Zahlten Sie GEZ, empföhle ich Ihnen darüberhinaus die Sendung „Tag für Tag. Aus Religion und Gesellschaft“. Dort haben wir in der kommenden Woche eine mehrteilige Serie über Bernhard von Clairvaux. Und eine Reportage „Mit dem Koran die Geister austreiben: Die Tradition religiöser Heiler in Malaysia“. Gerade im DLF wird ausführlich und ohne Schaum vor dem Mund und zumeist auf hohem journalistischen Niveau über Religionen nachgedacht.

    • Lara schreibt:

      Irgendetwas an dem Kommentar erinnert mich an Beschwerden über eine unfaire Berichterstattung gegenüber Freiherr von und zu Guttenberg. Deutschlandfunk, so wie Sie ihn beschreiben, ist ein Strohmannsender. Es stimmt, dass die Berichterstattung selten kritisch gegenüber dem Judentum ist, aber gerade gegenüber dem Islam werden sehr oft (zum Beispiel in Formaten wie Kontrovers, aber auch und vor allem in Religion und Gesellschaft) die üblichen Klischees und konservativen Meinungen abgespielt (nicht immer, es gibt selbstverständlich immer auch sachliche Berichte). Und das Christentum… da gibt es sehr viel Kritisches, aber im Regelfall sind es progressive (positive) Themen, die dominieren.

      In jedem Fall glaube ich, dass kaum anam Höra ein Schauer über den Rücken gelaufen ist. Woher die Annahme kommt, dass sich mehr Höran an einem christlichen Lied im Radio stören als an einem Kölner Minarett ist mir vollkommen schleierhaft und hat in meinen Augen bald schon paranoide Züge.

  5. Pingback: Musik am Montag » Blog Archiv » Michaela Meise: Preis dem Todesüberwinder

  6. Muriel schreibt:

    Some of the songs that they sing have nice chords, but the lyrics are spooky.
    Ist ja nichts Ungewohntes, dass man bei schöner Musik nicht zu sehr über den Text nachdenken darf, will man sie sich nicht verderben.

  7. Steeevyo schreibt:

    Ich liebe diese Musik. Und ich bin Atheist ohne Sicherheitsnetz. Ich verbinde mit dieser Musik viele persoenliche Assoziationen aus dem Umfeld meiner Familie.
    Es verstaerkt in mir die Ueberzeugung, dass Menschen, die an etwas Ueberirdisches glauben nicht anders sind wie ich und genau den gleichen Respekt verdienen, den ich fuer mich selbst einfordere.
    Es geht fuer alle Menschen, ob glaeubig oder nicht, um das Wissen ihrer Vergaenglichkeit und wie sie persoenlich damit umgehen. Ich finde Trost in genau diesem Wissen. Andere finden Trost darin, dass Gott seinen Sohn fuer uns gegeben hat. Beides ist voellig legitim.

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