Fisch, Marzipan und Brechbohnen – das Backdenkmal für Einheit und Freiheit #Competitionline #Lebkuchenwettbewerb

Fünf Stunden und 10 Minuten hat die Jurysitzung gedauert. Dann war die Entscheidung gefallen: Es gibt einen ersten Preis beim competitionline-Lebkuchenwettbewerb. In dieser Minute werden die Ergebnisse freigeschaltet und sind hier bei competionline zu sehen.

Rechts hinten: eine der Ausloberinnen

„Mit einer gewissen Begeisterung sage ich, dass wir in diesem Jahr extrem starke Arbeiten haben. Die inhaltliche Tiefe dieser Zuckerarbeiten ist politisch relevant.“ So am Ende der Vorsitzende der Jury, Stefan Bernard. Die hat sich teilweise die Köpfe heißt geredet, es gab vier Rundgänge. Zwei Beiträge wurde per Rückholantrag erneut diskutiert. Die Jury hat sich entschieden für den Einheitstisch. Der erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Er ist ernsthaft und durchdacht und würdig, genauer studiert zu werden. Da ich aber eher die Spaßfraktion bin, hier meine persönlichen Favoriten, völlig unmaßgeblich und subjektiv. Denn ich habe gelernt: Zumindest die Auslober haben das Ergebnis einer qualifizierten Jury zu akzeptieren. Aber da ich ja nur der Protokollant bin, erlaube ich mir, den Narren zu geben.

(Fotos und Entwurf: Korbinian Lechner)

Die Jury hat sich vorzüglich amüsiert angesichts der witzigen Wurst. „Tolle Bilder“, hieß es immer wieder. Die ostdeutsch-westdeutsch-gemischte Jury stellte fest, dass der Westteil der Wurst größer ist als der Ostteil.

Der Pappteller als Basis des Entwurfs wurde wegen seiner eindeutigen Bildsprache gelobt. Wenn der Wurst „eine identifikationsstiftende Bedeutung“ zukommt, dann erst recht dem Pappteller, in dem dieser Staat verankert ist.

„Sehr vielschichtig“ sei dieser Entwurf, hieß es in der Jury: „Alltagskultur wird auf den Sockel gestellt.“ Die Einheitswurst machte den 5. Platz.

Wer übrigens Preisrichterin Silvia Schellenberg-Thaut hören will. Sie hat im Deutschlandradio Kultur erzählt, wie es mit dem echten sowie dem Lebkuchen-Wettbewerb erging. Läßt sich hier nachhören.

Zwischendurch mal was zur Zusammensetzung der Jury:

Stefan Bernard ist Landschaftsarchitekt und hat ein Büro in Berlin: Bernard & Sattler Landschaftsarchitekten. Er ist zum vierten Mal Vorsitzender des Preisgerichts, legt Wert auf kontroverse Debatten und unterbricht Geschwätzigkeiten mit großer Strenge.

Angelika Fittkau-Blank ist Geschäftsführende Gesellschafterin von competitionline und hat das Original gemeinsam mit Constanze Meyer erfunden: den Lebkuchenwettbewerb, der inzwischen von vielen abgekupfert wird.

Gabriele Pütz ist Landschaftsarchitektin. Ihr Planungsbüro heißt Gruppe F. Und sie ist regelmäßig Preisrichterin in Wettbewerben, die sich weniger auf Zucker konzentrieren.

Silvia Schellenberg-Taut ist Architektin und hat ein Büro in Leipzig: atelier st. Sie war auch Jurymitglied im ‚echten‘ Wettbewerb. Sie steht für eine neue Generation junger Architekten.

Eric Sturm ist Webdesigner, Dozent, Autor & Herausgeber des Online-Magazins „Internet-fuer-Architekten.de“.

Drumherum ein Team von Sachverständigen: Constanze Meyer und Philipp Eder, die den Wettbewerb konzipiert haben sowie große Teile des Teams von Competitionline und als Externer: ich, der Protokollant.

Wer sich noch mal in Erinnerung rufen will, worum es ging, hier die Auslobung.

Jetzt aber zu Platz 10, einem der umstrittensten Entwürfe: das „Tellergericht“.

Die Jury ließ sich dieses „Tellergericht“ auf der Zunge zergehen. Ausgemergelte, vertrocknete Fische (Bürger der DDR) befreien sich aus einem wabbeligen, in sich zerfallenen Monster (DDR) und vereinen sich mit feisten Würstchen und einer Gemüsebeilage aus Brechbohnen (Bürger der BRD) zu einem gesamtdeutschen Tellergericht. Ein Bild, das der Satirezeitschrift Titanic würdig wäre.

„Das hatten wir so noch nie!“ So der Vorsitzende des Preisgerichts. „Ich muss immer wieder hingucken!“ Dieser Eindruck prägte die ersten beiden Rundgänge, in denen dieses „Tellergericht“ zu entsetzter Erheiterung führte. Oder anders ausgedrückt: Über keinen Entwurf wurde so viel gelacht. Erst im dritten Rundgang kam es zu heftigen Attacken gegen das Tellergericht: „Das ist ekelhaft!“ – „Zum ersten Mal seit Jahren denke ich an den Kindheitsspruch: Mit Essen spielt man nicht! Das stimmt!“

Die Kugel besteht aus vielen Teilen, ist aber doch eins. Das Kugelthema hat es im richtigen Wettbewerb auch schon gegeben.  Aber nie in dieser Form des Gespalten-und-doch-Eins-Seins. Der Entwurf, so die Jury, zeichne sich durch „diverse witzige Ideen“ aus, habe aber doch „ein klares, erkennbares Grundthema“. Positiv hervorgehoben wird das Architektonische des Entwurfs sowie seine Benutz- und Begehbarkeit. „Das Ding erinnert mich an die Reichtagskuppel“. Dieses Denkmal könnte somit als Ergänzung, als Pendant zum Bundestag fungieren. Es könnte zu einem Symbol werden für das Zusammenspiel von repräsentativer Demokratie (Reichstagskuppel / Bundestag) und direkter Basis-Demokratie (Denkmal für Einheit und Freiheit). Die Jury einigte sich auf Platz 3.

Und auch den 4. Platz hätte ich noch weiter oben gesehen. Aber eine der Ausloberinnen sagt immerfort: „Du musst mit der Entscheidung eines Preisgerichts leben lernen.“

„Striking“, wie der Vorsitzende ausrief, ist auch diese Arbeit von Stefan Leiste: Auch hier wird das Denkmal, eine Mauer, verzehrt. Dieser Entwurf landete in den Rängen 7-10.

Zum Schluss: Einen habe ich noch. Achtet mal auf den filigranen Sockel aus karamellisiertem Zucker! Platz 8:

Wer die richtige Rangfolge von 1-10 und noch mehr sehen will, kann dies bei competitionline tun. Inklusive Urteil der Jury. Ich habe die seriöse Auseinandersetzung der Jury hier auf den Kopf gestellt. Nur gut, dass ich nicht Preisrichter war. Und nach diesen meinen Bekenntnissen werde ich es wohl auch nie werden. Dies waren völlig unmaßgebliche Anmerkungen. Eigentlich möchte ich nur ein bisschen Appetit machen, sich bei competitionline genauer umzuschauen. Jenseits von Marzipan-Wurst und Fisch-Brechbohnen-Brei.

Was sich da real in den fünf Stunden abgespielt hat, das war eine ernsthafte und zugleich lustvolle Auseinandersetzung mit liebevollen Wettbewerbsbeiträgen. Und auf der Meta-Ebene war es ein Plädoyer für mehr offene Wettbewerbe contra Architekten-Bauherren-Klüngel.

P.S.: Wenn Ihr mögt, was ist Euer Ranking? Spielt Preisrichter!

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