Wilco – was ich im Deutschlandfunk dazu zu sagen hatte.

Düsseldorf, Offenbach, Wien, München, Hamburg, Berlin – das waren die Stationen von Wilco im deutschsprachigen Raum. Wilco, die Band aus Chicago, changiert zwischen Alternative Country, Indie-Pop und Art-Rock und noch vielem mehr. Und wie die sechs Musiker das machen, das machen sie einzigartig, finden viele Kritiker.

Jetzt sind fast 24 Stunden vergangen – in der Welt des Netzes eine Ewigkeit. Und doch will ich mich noch dazu äussern. Vieles habe ich im Deutschlandfunk gesagt:

Wer lieber hören will, kann das hier tun.

Wer lieber liest: Vieles von dem, was ich in fünf Minuten nicht unterbringen konnte, also hier:

Der Versuch, ein Phänomen zu verstehen

Es war ein grandioses Konzert. Aber eines muss mal gesagt sein: Meines Erachtens geht es gar nicht, dass eine Indie-Band in einem bestuhlten Konzertsaal auftritt. Ich kann nicht einsehen, warum ich mich in enge Stuhlreihen zwängen soll, wo diese Musik mich doch zur Bewegung drängt. Doch auch wenn ich solche Säle ärgerlich finde, selbst das konnte das die Freude an Wilco nicht schmälern. Weil das war musikalisch perfekt und unglaublich intensiv, was die gespielt haben.

Das kracht und scheppert, da werden süßliche Melodien geradezu zersägt. Wilco hantieren mit einem ganzen Fuhrpark von Gitarren. Ich habe knapp 20 Gitarren gezählt, die auch alle eingesetzt werden. All diese Gitarren, die werden auch noch von Gitarrenträgern angereicht während der Songs. Das klingt jetzt so streberhaft – aber all das hat nur einen Sinn: Es soll schön klingen. Es geht Wilco um Musik, Musik, Musik. Und deswegen begrüßt Jeff Tweedy das Publikum auch nicht. Nach ziemlich genau 55 Minuten spricht er das erste Wort. Weil es um Musik geht.

Das hat mich wirklich angerührt. Jeff Tweedy wirkt ja immer ein bisschen, wie reingeschossen in seine Hosen. Dazu das leicht zauselige Haar. Und gestern wie vor drei Jahren, als ich Wilco das letzte Mal gesehen habe, da trug er auch diese graue Jeans-Jacke, die schwarze Jeans und ein dunkelblaues T-Shirt. Wohlgemerkt, ich liebe so was. Aber das ist ja eine Performance, die nur wenig Glamour, wenig Popstar-Allüren ausstrahlt. Aber genau das ist es, was er uns anbietet. Und das strahlt Würde ab. Der Übervater der Popkritik Diedrich Diederichsen hat neulich mal formuliert, es komme nicht drauf an, ob Platten gut produziert sind, sondern erst in der Performance realisiert sich, was schlägt der Künstler vor? Wie können Menschen sein? Und da scheint mir Wilco vorzuschlagen, dass Du nicht ultracool sein musst, dass Du keine Hypes auslösen musst, dass Du Dein Ding spielst. Also was die da gestern gemacht haben, das ist Demut, das ist Hingabe, Hingabe an die Musik. Jeff Tweedy, der große Melancholiker, findet offenbar in der Musik, mal ganz pathetisch, gesprochen, so was wie Erlösung. Das ist das, was uns Wilco anbietet – und das ist, was ich gestern gesehen habe, zwei Stunden lang, und was wohl auch in Düsseldorf oder München oder Hamburg zu sehen war, mehr als nur ein Konzert. Also, ich kann nur empfehlen, es gibt ja genug Internetplattformen, wo das möglich ist, schon mal Ausschau halten, wann Wilco mal wieder nach Deutschland kommen.

Das ist wie alte Freunde besuchen. Jeff Tweedy, Jahrgang 67, oder Nels Cline, er ist Mitte 50, die legen eine Show hin, da wirkt dagegen manch ein 30 jähriger wie früh vergreist. Und es gibt ja kaum was Schöneres als alte Freunde treffen. Also, eines der Konzerte des Jahres.

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