Mein Klassiker: Hanns Zischler, über den Vogelgesang – “Wo immer ich bin, höre ich den Vögeln zu”

Der Schauspieler Hanns Zischler hat mich beeindruckt. Daraus mache ich keinen Hehl. Deswegen erscheint demnächst auch noch mal was auf dw-world, was ich hier nachreichen werde. (Dies ist der direkte Link.)

Nach dem großen Interview vor einigen Wochen lief nun ein zweites kleineres Stück im Deutschlandfunk. Bei “Corso. Kultur nach drei” gibt es die Rubrik “Mein Klassiker”. Und zugegeben, das ist nicht der originellste Titel für eine Rubrik. Aber da sind schon extrem schicke Beiträge gelaufen – mit allerlei Erkenntnisgewinn. So auch geschehen im Falle Zischler. Er wehrte sich selbstverständlich zunächst. Er habe doch nicht einen einzigen Klassiker, das sei ja wohl etwas einfältig.

Wir haben dann rum gesponnen – und plötzlich fiel ihm ein, was ihn zum Schwärmen bringt:

der Gesang der Vögel.

Hier lässt sich es sich nachlesen  – und hier nachhören:

Mein Klassiker_ Schauspieler und Publizist Hanns Zischler über den Vogelgesang

Illustrationen von Hanno Rink, Copyright: Arche Literatur Verlag

Illustrationen von Hanno Rink, Copyright: Arche Literatur Verlag

Wer im übrigen mehr über ihn wissen will, hier habe ich Zischlers jüngstes Projekt, sein Mäusemärchenbuch-für-Erwachsene, porträtiert und hier beschrieben, unter welchen Umständen das Interview zustande kam.

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Daniel Kehlmann am Mobiltelefon – war er es wirklich?

Es gibt Episode im Leben eines freien Redakteurs, die so nie auf dem Sender erzählt werden können. Hier haben sie ihren Platz. Also,  wir waren zum Interview mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann verabredet. Bei “Corso. Kultur nach drei” im Deutschlandfunk. Daniel Kehlmann ließ vorher ausrichten, dass er zusage – aber nur der Voraussetzung, dass er nicht in ein Studio müsse oder zu einem Festnetz. Er habe keines an jenem Tag. Nun, das ist im Radio eigentlich schwierig. Wegen der Qualität und des Risikos. Es ist gut gegangen. Das Gespräch lässt sich hier hören .

Das Skurrile: Kehlmann wollte seine Telefonnummer nicht rausgeben, was ich mehr als gut verstehen kann, sondern direkt im Studio zum vereinbarten Termin anrufen. Es kam aber kein Anruf. Zum Glück hatte ich mir ein Sicherheitsnetz eingezogen. Ein Schutzengel, der die Pressearbeit für den Film “Ruhm” macht, stand parat, hat Kehlmann angerufen. Dann meldete sich der Schutzengel wieder bei mir mit der Bemerkung, Kehlmann komme “telefonisch nicht raus”. Warum, das würde er mit selber erzählen. Dies sei seine Telefonnummer:…

Also, wer sich nicht mehr erinnern kann: In “Ruhm” ging oder geht es um Wirren, die aus Mobilkommunikation entstehen. Deswegen erschien mir die Form, das Interview am Mobiltelefon zu machen, auch so attraktiv. Da ist man direkt drin in der Identitätsfrage.

Ich rief also an, und Kehlmann lachte. Ich würde ihm das wohl nicht glauben, aber wenn er nicht in Wien, sondern in Berlin sei, dann habe er eine prepaid-Karte. Und er habe, als er anrufen wollte im DLF, feststellen müssen, dass er kein Guthaben mehr hatte.

Wir haben uns dann schon gefragt: Ist es der richtige Kehlmann – oder ein Fake?

Nunja, ich erzähle dieses Intern-Dings auch nur, weil Daniel Kehlmann sich so köstlich über seine Panne amüsierte und über meine Bemerkung, dass das ja nun aufs Feinste seinen Roman “Ruhm” widerspiegele. Es gibt diese kurzen Momente, in denen sich entscheidet, ob einem jemand sympathisch erscheint. Das war so ein Moment, in dem mir klar wurde: Daniel Kehlmann kann über sich lachen, ist unprätentiös und einer von uns. Da wurden mir seine Bücher sowie der Film noch sympathischer, als sie es eh schon waren.

Mir hat der Film übrigens ausgesprochen gut gefallen. Mehr noch: Er hat mir Hoffnung gemacht – so wie auch Barbara. Beide heben sich aufs erfreulichste ab von der Kost, die uns so oft aus deutschen Landen aufgetischt wird. Aber das ist eigentlich nicht mein Business. Ich sollte mich nicht zum Filmkritiker aufspielen.

Ich durfte den übrigens vorab legal streamen. Nicht dass ich von Herr R., Kopf einer Berliner Musik-Combo, die bei Universal unter Vertrag ist, als einer denunziert werde, der auf die Köpfe von Künstlern pinkelt.

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Bundespräsident Gauck und die Käßmannisierung der Republik

In der vergangenen Woche habe ich mich vor allem mit einem beschäftigt: mit Joachim Gauck. Daraus wurde eine Sendung im Deutschlandfunk – und zwar im Hintergrund Politik. Das ist hier nachzuhören und nachzulesen.

Also, wer noch vor der Bundesversammlung was hören will zur Frage, ob Deutschland mit Gauck protestantischer wird, ob es nun wirklich die vielbeschworene ostdeutsch-protestantische Doppelspitze geben wird, dem sei diese Sendung empfohlen.

Anekdote am Rande: neben Wolfgang Thierse (SPD) und Raju Sharma (Linke) traf ich Christian Lindner. Da war er Ex-Generalsekretär und MdB. Im Laufe der Woche wurde er zum Spitzenkandidaten der FDP für NRW. Ich habe den richtigen Riecher. Manchmal.

Übrigens gehen alle Gesprächspartner davon aus, dass es zu keiner weiteren Käßmannisierung der Republik kommen wird. Gauck ist alles andere als der typische Kirchentagsprotestant.

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“Don’t eat meat” – der Schauspieler und Schriftsteller Hanns Zischler über Mäuse, Fleisch und die Seelenverwandtschaft mit Spielberg

Eigentlich stand Hanns Zischler schon seit Jahren auf meiner Wunschliste. Neulich habe ich ihn endlich getroffen: zum Interview. Es gibt Gespräche, die einfacher zu führen sind. Zischler ist aber keiner von diesen Dampfplauderern und Selbstvermarktern. Heute ist das Gespräch gesendet worden. Im Deutschlandfunk. Hier nachzuhören.

Hanns Zischler braucht eigentlich keine Worte. Jedenfalls nicht allzu viel. Man versteht ihn auch so. Es reicht, wie er guckt. Ein schweigsames Gesicht, das auch Steven Spielberg so fasziniert hat, dass er Hanns Zischler engagiert hat, einen Mossad-Agenten zu spielen in München, dem Spielfilm zum Attentat bei den Olympischen Spielen. Es gibt nichts, was Zischler nicht spielen kann. Und so ist seine Filmographie extrem lang. Er ist einer der meistbeschäftigten Schauspieler Deutschlands, es sind rund 200 Film- und Fernsehrollen, in denen er gespielt hat, so Schätzungen. Auch international – etwa in der schwedischen Krimiserie „Kommissar Beck“. Er hat mit Wim Wenders gearbeitet, mit Claude Chabrol und mit fast allen, die in Deutschland Rang und Namen haben. Dennoch ist Hanns Zischler nicht in dem Sinne berühmt, dass er viel PR-Wind um sich macht. Die FAZ titelte mal wunderbar: „Hans wer? … Ach der?“ Zischler ist bis heute vor allem bei Filmkennern geachtet. Deren Anerkennung – das reicht ihm. Sagt er.

copyright: Henrik Jordan

copyright: Henrik Jordan

Doch die Schauspielerei ist nur eine von vielen Facetten des Hanns Zischler. Er ist Autor, Dichter, Übersetzer, Fotograf, Sprecher und Sänger. Jetzt hat er ein Märchen für Erwachsene vorgelegt. Es heißt „Lady Earl Grey“ – und das ist auch der Name der Treppenmaus, um die es geht. Die hat ihr Zuhause verloren.

Illustrationen von Hanno Rink, Copyright: Arche Literatur Verlag

Illustrationen von Hanno Rink, Copyright: Arche Literatur Verlag

Mäuse, München, Märchen – Ich habe Hanns Zischler dort getroffen, wo er lebt: im tiefsten Westen von Berlin: im Westend.

Und was dabei rausgekommen ist, das wurde heute im Deutschlandfunk in der Sendung “Corso. Kultur nach drei” gesendet. Ein rund achtminütiges Gespräch, das ich primär empfehlen möchte - zum Nachlesen und Nachhören, auch wenn es nach etwa einem halben Jahr aus bekannten medienpolitischen Gründen nicht mehr als Audio verfügbar sein wird.

Wenn es denn verschwunden ist und vor allem für Hardcore-Fans von Hanns Zischler gibt es hier eine Langfassung. Nennen wir es mal Bonus-Material. Da sind dann auch Aspekt zum Film Noir, zu Buster Keaton und andere Abwegigkeiten drin, die keinen Platz haben können in einem Radiomagazin. Auch ein paar Anmerkungen zu einer Webserie, in der er den Shrink Dr. Hanno Verbier spielt. Ich mag diese Langfassung, mir fällt es immer schwer, mich im Schnitt von coolem Material zu trennen.  Aber hier im Netz ist ja zum Glück Platz:

Hanns Zischler lang

Illustrationen von Hanno Rink, Copyright: Arche Literatur Verlag

Illustrationen von Hanno Rink, Copyright: Arche Literatur Verlag

Welche Variante Ihr auch hört oder lest, es gibt in diesem Gespräch einen Clou, der mich komplett überrascht hat. Da zeigte sich, dass Hanns Zischler, der vergleichsweise wenig Interviews gibt und vor dem ich trotz all der Berufserfahrung – auch im Umgang mit Promis – ganz ordentlich Respekt hatte, dass der sich öffnet in einer bestimmten Gesprächsatmosphäre. Er, der so ganz bürgerlich wirkt und wohl auch wirken will (“Ich habe noch nie Jeans getragen; das ist für mich Sträflingskleidung) – dieser Zischler kommt beim Themenkomplex Fleischproduktion / Achtung von Tieren / Vegetarismus zu einem Schluss, den ich so nicht erwartet hätte.

Illustrationen von Hanno Rink, Copyright: Arche Literatur Verlag

Illustrationen von Hanno Rink, Copyright: Arche Literatur Verlag

Ein paar bibliographische Angaben:

Lady Earl Grey

Erstausgabe. Mit farbigen Pinselzeichnungen von Hanno Rink. 64 Seiten. Pappband. 14,95 €. Arche Literatur Verlag

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Der achte Tag ohne Essen: zwischen Delirium und Euphorie

Keine Panik. Gastroenterologische Details werde ich Euch ersparen. Und auch mit einem Fasten-Tagebuch wollte ich niemanden behelligen. Ich habe mich sogar weitgehend von social Plattformen fern gehalten und mich ganz auf Arbeit und Fasten konzentriert. Mir ist klar geworden: Essen ist overrated. So viel kreatives und diszipliniertes Arbeiten wie in den vergangenen Tagen gelingt mir selten.

Ich habe vor acht Tagen, am 01.03.2012, das letzte Mal etwas gegessen. Am 02.03.2012 habe ich das getan, was man so tut, wenn man heilfastet. ((Abführen.)) Wie ich dieses Wort verabscheue: Heilfasten. Heil, Kur! Heil, Praktiker!

Der zweite Fastentag war eine Katastrophe. Kopfschmerzen ohne Ende. Ich wollte abbrechen. Klar, nicht genug getrunken. Also, zwei Tage waren nicht so schön. Aber dann folgten sechs grandiose Tage. Darum geht es mir.

Ich habe vorher alles eingekauft, was ich brauche: ein wenig Saft, diverse Teesorten, Brühe. Das hat zur Folge, dass während der Fastentage vieles entfällt, was sonst Zeit frisst: einkaufen, Essen machen, abwaschen. Plötzlich hatte ich ganz viel Zeit. Da habe ich, der ich sonst nach dem Aufstehen als erstes zur Heiligen iFaltigkeit greife, damit mir auch nichts entgeht, mich einfach mal in den Erker gesetzt, die Fenster aufgerissen und in den blauen Prä-Frühlings-Himmel geguckt. In der Hand so einen Bol aus Taizé. Tee, Tee, Tee.

Wobei ich mir auch ab und an mal einen Saft und eine Brühe gegönnt habe. Asketen reicht ja Wasser. Ich glaube, das könnte ich nicht. Dazu bin ich wohl doch zu sehr barocker Katholik. Da muss auch schon mal ein Päuschen drin sein mit einem frisch gepressten Gemüsesaft im neuen Cafe “Lebensfroh“, (vegan, organic, raw).

Jetzt empfehlen ja alle, dass man sich ein wenig Zeit nehmen soll beim Fasten. Keine Stressphasen, bitte. Das wollte ich auch so machen. Ich wollte mich auch auf weniges konzentrieren. Ich hatte schon seit längerem ein Interview mit dem Schauspieler, Forscher, Schriftsteller, Übersetzer, Fotografen Hanns Zischler verabredet. “Hans, wer? … Ach, der?” titelte mal die FAZ. Das ist der, der in Spielbergs Munich den Mossad-Agenten Hans gespielt hat und in der skandinavischen Krimiserie “Kommissar Beck” eine zentrale Nebenrolle. Egal. Der ist ein Intellektueller. Er ist keiner von diesen PR-Dampfplauderern. Das hat er nicht nötig. Und von Journalisten hält er – vorsichtig formuliert – nicht allzu viel, was ich gut verstehen kann. Da braucht es gründliche Vorbereitung. Ich dachte, so was packst Du nicht fastend. Aber ich war extrem open-minded und bin es fortwährend. Das Interview war sehr erfreulich. Es ist Ende nächster Woche im Deutschlandfunk bei Corso zu hören.

Dann kam der Hammer: die Anfrage, der Auftrag, die Bitte der DLF-Redaktion “Hintergrund Politik”, einen Beitrag für den Freitag vor der Bundesversammlung zu liefern. Ein ostdeutscher Pfarrer wird Bundespräsident. Wird die Republik protestantischer? Wie ist es um das Verhältnis Staat-Kirche resp. Religionsgemeinschaften bestellt?

Ich hatte sofort den Arbeitstitel Käßmannisierung der Republik im Kopf. (Kann ich das Urheberrecht beanspruchen auf “Käßmannisierung”? Ich glaube schon.) Aber wie ist so ein 12-Minuten-Stück in einer Fasten-Phase zu packen (mit mehreren anderen Projekten parallel)? Ich habe größten Respekt vor dieser Sendung, die zu den DLF-Flaggschiffen gehört. Da will und darf ich nichts Halbgares abliefern. Ich habe zugesagt.

Der fastende Körper ist so vergeistigt, dass ich an einem Donnerstagmorgen um 6 Uhr mir zwei Stunden lang ein komplexes Dossier mit schlauen Texten zu Gemüte geführt habe, das mir schlaue Archivare zusammen gestellt haben. Dann habe ich mich an den Rechner gesetzt, Texte Texte sein lassen und die Komplexität des Themas, über das ich seit 20 Jahren nachdenke (Verhältnis Staat-Religion) runter gebrochen und ein Exposé von vier Seiten in die Tasten gehackt. Drei Stunden. Dann diverse Interviewanfragen rausgehauen etwa an den katholischen Sozialdemokraten Wolfgang Thierse, den religionspolitischen Sprecher der Linken-Bundestagsfraktion Raju Sharma und an Christian Lindner, den Ex-FDP-Generalsekretär, der  ausgesprochen schlaue Essays zum Thema geschrieben hat. Das sind auch die, die zugesagt haben. Die Namen der Absager nenne ich nicht. Waren aber alles Termingründe. Innerhalb weniger Stunden hatte ich Termine für den nächsten Tag. Parallel habe ich andere Dinge vorangetrieben.

An jenem Tag habe ich wie im Rausch 14,5 Stunden gearbeitet, zum allergrößten Teil kreativ. Und ohne eine größere Pause. Bis 20.30 Uhr. So etwas gelingt mir nicht oft. Es war also der 7. Fastentag – und das mit einem extremen Output.

Während all der Tage dachte ich: Wann klappe ich zusammen? Gibt es einen Rückschlag? Wann fahre ich mit dem Rad gegen ein parkendes Auto? Breche ich während eines Interviews zusammen und liege dann zu Füßen eines Bundestagsabgeordneten? Rede ich Unfug? Rieche ich?

All dies war nicht der Fall. Ich bin im Kopf klar. Körperlich fühle ich mich extrem gut. Ich habe mich sogar zu einer Jogging-Runde aufraffen können – zum ersten Mal, seit einer verschämten Runde in einem Wald in North Carolina vor einem Jahr.

Heute, an meinem 8. Fastentag, habe ich die ersten Interviews im Bundestag geführt. Klar, so viel kann da nicht schief gehen. Gute Gesprächspartner, eloquent, schlau. Aber dennoch: Vergisst ein Hungernder das Mikro anzumachen? Stellt er die wichtigste Frage nicht?

Ich fühlte und fühle mich sehr wach, und die Ergebnisse gibt es zu hören am 16.04.2012 im “Hintergrund“. Im DLF. Oder als Podcast.

Nun werde ich morgen, 10.02.2012, das Fasten brechen. Ich habe Hanns Zischler im Ohr, der ein Maus-Märchen geschrieben hat: “Lady Earl Grey”. Es geht ihm um Achtung vor den Kleinen, den Geringfügigen. Und ich will nicht zu viel verraten. Aber wie wir mit Tieren umgehen, das verabscheut dieser Grand Seigneur zutiefst. Ich werde auch was ändern.

Ich habe bewusst in der Fastenzeit gefastet. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich Erleuchtungen haben werde. Aber es ist schon erhellend, mal den Reset-Button zu drücken oder den Stecker zu ziehen. Ich boote mich. Mal schauen, wie lange das hält.

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Zeit der Orden?!

Viele meiner Leser sind wohl eher kirchendistanziert oder religionsskeptisch oder wie auch immer. Ich weiß es von einigen. Lasst Euch nicht schrecken! Ich habe an einem Thema gearbeitet, das sehr fromm wirkt und es auch in gewisser Weise ist. Aber hoffentlich nicht frömmelnd. Weil ich mich eigentlich seit November damit beschäftige, hier recherchiere, dort Interviews führe, will ich das Thema an dieser Stelle nicht verschweigen.

Das läuft am 7.3.2012 um 20.10 Uhr im Deutschlandfunk:

Zeit der Orden – Wie junge religiöse Kommunitäten und Gemeinschaften in Deutschland die Großstadtseelsorge verändern. 

Den Livestream findet Ihr hier  in der rechten Spalte.

Dies noch als Vorwarnung: Es wird keinen Podcast geben. Wer mich direkt anspricht, da lässt sich womöglich was machen – aber in diesem Fall gilt wohl: Live Radio hören kann auch schön sein. Ist schön!

Die Sendung ist ein Porträt der Communauté de Jerusalem in Köln, des Stadtklosters Segen in Berlin-Prenzlauer Berg und der Pfarrgemeinde Herz Jesu, betreut von Chemin Neuf – bereichert mit Zitaten des linkskatholischen Fundamental-Theologen Johann Baptist Metz, bei dem ich einst Prüfung machte, und Einschätzungen des Religionssoziologen und evangelischen Theologen Gräb von der Humboldt-Uni.

Kernthese: In den deutschen Kirchen gibt es zarte Aufbrüche in der Großstadtseelsorge. Die gehen oftmals von Ordensgemeinschaften aus. Gerade von Neugründungen! Sie sind Teil einer Diversifizierung des kirchlichen Angebots.  Womöglich auch weg von traditionellen Pfarreien. Es könnte nämlich eng werden für die klassische Pfarrgemeinde, die sich an Territorien orientiert. Die Gesellschaft individualisiert sich. Womöglich müssen die Kirchen ihre Arbeit weiter an den Bedürfnissen ihrer Kunden ausrichten. Das  wird aber nicht gern gehört und mit Begriffen wie Service-Kirche abgetan. Okay, um Markt und Angebot und Nachfrage geht es nicht in der Sendung. Das beschäftigt mich aber. Und mir scheint, dass die drei porträtierten Kommunitäten spannend sind. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass sie allesamt nicht aus Deutschland kommen. Sind also Aufbrüche in den Kirchen Deutschlands vor allem als Anstöße von außen zu erwarten?

Diesen leicht wirren Zeilen ist womöglich anzumerken, dass ich eigentlich schon wieder in anderen Projekten stecke. Ich möchte nur den Programm-Tipp geben und werde demnächst womöglich hier ein paar zentrale Zitate aus der Sendung ergänzen. Viel Spaß beim Hören.

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Eine Verbeugung vor dem Huhn: Sillysparrowness und Werner Herzog

Schrödingers Katze, der TARDIS, Hühner und das Gymnasium – das sind die Themen von Sillysparrowness. Das ist ein YouTube-Channel, ein Videoblog einer bayerischen Gymnasiallehrerin. Und da beginnt für mich die Geschichte. Sie ist nun wahrlich das Gegenteil vom Klischee-Blogger: Sie ist kein Mann, sie sitzt nicht in Kreuzberger Cafés, und sie verdient Geld.

Sie bloggt auf englisch – und das eine oder andere ihrer Stücke ist öfter als 200.000 mal, insgesamt sind ihre Videos mehr als eine halbe Million mal gesehen worden. Sillysparrowness hat mehr als 9.000 Abonnenten. Ich bin einer von ihnen. Denn es macht so viel Freude, ihr zuzusehen.

Das könnte ein Einstieg sein:

Was den Erfolg von Sillysparrowness noch erstaunlicher macht: Das sind keine kleinen Häppchen, sondern es braucht – obwohl extrem kurzweilig – eine erhebliche Aufmerksamkeitsspanne, um ihr zu folgen. Ihr erfolgreichstes Video ist fast 20 Minuten lang:

Also: Sillysparrowness mag Dr. Who, baut eigenhändig ein Tardis, hält “Schroedingers Katze” für the worst metaphor ever, hegt ein ambivalentes Verhältnis zur Schule und hat einen Hang zu Hühnern. Und es gibt Zeitgenossen, die sagen: “Jeder ihrer Abonnenten will sie heiraten.”

Deshalb ein letztes noch, weil es so schön ist:

Sillysparrowness hat auch ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Sie nimmt es mit Werner Herzog auf, der sich ebenso wie sie mit Hühnern beschäftigt.

Sillysparrowness schreibt über Werner Herzog:

“He’s like most peole. Doesn’t know chickens. Main reason why this world needs me to make a chicken video. Several, actually. Coming up in late spring, most likely.”

Also, in großer Vorfreude erwarte ich die Hühner-Videos. Vorher aber bin ich zuversichtlich, dass es klappt: Für die Sendung “Corso. Kultur nach drei” habe ich Simplysparrowness in den Deutschlandfunk eingeladen. Sie ist am Dienstag, 21-02-2012, nach 15 h zu hören. Danach lässt sich das Gespräch hier nachhören.

Nachtrag: Es hat geklappt. Dies ist der direkte Weg – zumindest so lange es dem DLF erlaubt ist, das aod anzubieten.

Damit bin ich (meines Wissens) der erste, der die videobloggende Gymnasiallehrerin Sillysparrowness in die “alten Medien” holt. Und das bei einem Phänomen, das im Netz derartig einschlägt! Als wären das hierzulande immer noch Paralleluniversen: hier Radio, Zeitung, Fernsehen, dort das Netz und seine YouTube-Channels, Blogs, etc.

Dass ich auf sie aufmerksam wurde, habe ich mal wieder Tondatei und dem Hablizel zu verdanken.

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T-Mobile versus Callmobile: Konkurrenz für den Custy Award von Mediabard

Jüngst hat Multiple Reality Disorder den Custy Award für 2011 ausgerufen. Obschon ich dieses Blog liebe und regelmäßig lese und allenthalben empfehlen kann, in einem Punkt muss ich widersprechen: Der Autor, auch zu finden als Mediabard auf Twitter, lobt Callmobile über den grünen Klee. Dies ist eine Fehleinschätzung. Verdient hat dieses Lob die Telekom. Spätestens in 2012 bekommt der Premium-Anbieter hoffentlich diesen (wichtigen, allerdings nicht ganz so hoch dotierten) Custy Award.

Die Geschichte geht so: Einer 80jährigen habe ich ein iPad eingerichtet. Es ist der Erstkontakt der Dame mit einem Rechner. Alles funktioniert blendend, was wiederum belegt, dass Apple einen verdammt guten Job macht. Nur die Internet-Verbindung stockte. Was ich zunächst für eine Fehlbedienung einer nicht netzerfahrenen, nicht ganz so jungen Seniorin hielt, entpuppte sich im direkten Vergleich als eine katastrophale Verbindung von Callmobile, deren 9,95 € Flatrate-Tarif ich nicht empfehlen kann. Sie versprechen Dir eine “HSDPA-Datenturbo”. De facto bekommen wir (zumindest in diesem Fall) eine Datenschnecke. Wie einst bei den analogen Internetverbindungen rund um 1996. Ich habe den direkten Vergleich gemacht: selber Standort, selbes Gerät, selbe Websites. Die SIM-Karte von T-Mobile war achtmal schneller. Mindestens, manchmal war der Abstand noch größer. Manches ging auf der Callmobile-SIM-Karte gar nicht: wie etwa Videos oder Livestream via Dradio-App.

Nun werden technikaffine Menschen sagen: Callmobile hätte das womöglich in Ordnung gebracht. Vielleicht ist es auch bekannt, dass deren Abdeckung in manchen Regionen nicht so gut ist. Ich bin dem nicht nachgegangen. Denn ich wollte eine schnelle Lösung, ohne viel Zeit und Recherche-Aufwand. Und dies am Sonntag. Da arbeitet niemand bei Callmobile. Anders bei der oft geschmähten Telekom. Am Sonntagnachmittag ging jemand dran im Callcenter, was hoffentlich nicht nur damit zu tun hat, dass ich die Journalisten-Hotline anzurufen berechtigt bin.

Ich schilderte mein Problem: Die perfekt geschuldete Frau am Telefon empfahl mir eine Drittkarte auf meinen existierenden Vertrag. Es sei kein Problem, bei T-Mobile drei Micro-SIM-Karten zu bekommen. Ich sollte nur bedenken, dass drei Nutzer womöglich die 1GB-Marke schrammen. Dann könne ich für 9,90 € (oder so) auf 5 GB (oder so) aufstocken.

Am Sonntag bestellt kam eben der Postbote: an einem Dienstag – keine 48 Stunden, nachdem ich die SIM-Karte – wohlgemerkt an einem Sonntag, und wir sind immer noch in Deutschland – bestellt hatte. Dafür bekommt T-Mobile den Custy Award 2012, wenn ich in der Jury säße.

Was mir ein wenig weh tut: Wir haben zu zweit die Callmobile-SIM zu einer Micro-SIM umgewidmet. Das waren rund zwei Stunden Bastelarbeit: mit Nagelschere und Nagelfeile und erfüllt von Angst, die Karte zu zerstören.

Jetzt kündige ich bei Callmobile, denn die neue Karte ist eingesetzt. Und sie funktioniert.

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Regiert Gott Amerika? Oder: Gott regiert Amerika!

In der “Studiozeit. Aus Religion und Gesellschaft” im Deutschlandfunk habe ich mich am 18.01.2012 zu diesem Thema ausgelassen:

Eine säkulare Verfassung und ein lebendiges religiöses Leben – zum Verhältnis von Staat und Religion in den Vereinigten Staaten

Über meine Splashseite bei About.me haben mich diverse Anfragen erreicht, warum der Deutschlandfunk keinen Podcast von dieser Sendung zur Verfügung stellt und ob ich helfen könne. Zur ersten Frage kann ich nur sagen, dass das keine Bösartigkeit des Senders ist, für den ich bevorzugt arbeite, sondern dem Urheberrecht geschuldet. Zum zweiten Teil der Frage: Ich kann. So wie wir früher Musik-Kassetten auf Cassetten-Recordern für Freunde aufnahmen. Upload und download, teilen, peer to peer – das dürfte legal sein.

Die Sendung basierte auf meiner Reise an die Duke University vor fast einem Jahr. Meine Gespräche mit Religionswissenschaftlern und Theologen vor dem Hintergrund des US-Wahlkampfes jetzt noch mal zu durchdenken, brachte mir persönlich einigen Erkenntnisgewinn.

Da es in diesem Blog kein Audio dieser Sendung geben wird, weil mir das juristisch zu heiß ist, obwohl technisch möglich, werde ich ein paar zentrale Thesen in schriftlicher Form zum Nachlesen anbieten. Wiederum nicht das ganze Manuskript. Denn das gehört wohl dem Deutschlandfunk. Jeder kann es bekommen via Hörerservice.

Was es in dieser Sendung gab:

Zum Beispiel Zitate aus Matthias Rüb: Gott regiert Amerika.

“Wer sich auf eine Reise durch das vitale und bunte religiöse Leben der USA begibt, bekommt Höhen wie Tiefen zu sehen; begegnet dem Erhabenen wie dem Skurrilen; darf vollkommene Stille erleben und muss ohrenbetäubenden Lärm erleiden.”

Oder Auszüge aus einem langen Interview mit Stephen Prothero. Er ist Professor für Religionswissenschaft an der Boston University. Als ich in Duke war, hielt er dort auch einen Vortrag und ich las eines seiner Bücher. Aber wir haben uns verpasst. Und so bin ich ihm hinter her gereist. Er lebt in oder auf Cape Cod in einem kleinen Haus direkt am Meer. Prothero ist einer der bekanntesten Religionsexperten des Landes – regelmäßig als Autor und Gesprächspartner präsent, vor allem in den seriösen Medien des Landes.

“We have not made the kind of connection between church and state that have gotten people so angry at the church in so much of Europe, right? If you have a revolution in France and the church is on the side of the Ancien Regime then when that regime goes down the church is in trouble. And that happened in the US with the Anglicans. The Anglicans backed the British. And their numbers plummeded after the American Revolution. But because we separated out church and state, government and politics to some extend it is allowed religion to thrive as different political parties have come into power.”

Ich habe das so übersetzt:

“Wir haben nicht diese Verquickung von Kirche und Staat. Die hat vor 200 Jahren auch die Europäer ausgesprochen wütend gemacht. Wenn es zu einer Revolution kommt wie etwa der Französischen, und die Kirche steht dann auf der Seite des Ancien Regime, dann hat die Kirche ein Problem, wenn das Regime zusammen bricht. Genau das ist auch der anglikanischen Kirche in den USA passiert. Sie hat die Briten unterstützt. Daraufhin haben wir Religion und Politik, Kirche und Staat bis zu einem bestimmten Grad getrennt; und so konnten Religionsgemeinschaften sowie politische Parteien sich unabhängig voneinander entwickeln.”

1.200 Kilometer weiter südlich in Durham in North Carolina. Kalman Bland hat sich besonders viel Zeit für mich genommen. Wir haben erst im Cafe neben der Bibliothek eine Stunde lang geredet über Gott und die Welt – und dann eine Stunde in seinem Büro. Kalman Bland ist Professor im Religion Department der Duke University. Duke ist eine der zehn besten US-Universitäten – eine Privat-Uni mit Nähe zur methodistischen Kirche.

Das nicht-kirchliche, religionswissenschaftliche Institut an Duke ist eines der bedeutendsten des Landes, sagt nicht nur Kalman Bland. Der Religionswissenschaftler ist Experte für jüdische Religion im Mittelalter. Er bezeichnet sich selbst als einen nicht-praktizierenden Juden am linken Rand des politischen Spektrums.

That is one the ironies of American society: Although we have an official constitutional separation between church and state you would think that religion would evaporate. And for a long time a lot of people predicted that religion would disappear. But not in America. Maybe it is the separation of church and state in America – so there is no official one religion – though all religions can really florish. There is a growing secular or non-believing segment of the American population. The last polls by the Pew Foundation identified a growth of people who identify as non-believers and non-religious. About 15 or 16 % of Americans no longer identify themselves as religious. That still leaves about 85 % of the population which still takes the religion pretty seriously. But the non-participants is growing. Religion is florishing in America for both good and evil.”

So habe ich das übersetzt (Ich finde, dass Voiceovers nicht am Wortlaut kleben müssen. Sonst holpert das im gesprochenen Wort.):

“Das ist eine der Ironien der amerikanischen Gesellschaft: Wir haben offiziell in der Verfassung eine Trennung von Staat und Religion. Und jeder würde erwarten, dass Religion sich verflüchtigt. Viele Zeitgenossen haben auch genau das vorausgesagt: das Verschwinden von Religion. Aber ausgerechnet bei uns in Amerika, wo es keine offizielle Religion gibt, gedeihen die Religionen: vielleicht genau wegen der Trennung von Religion und Staat. Es gibt zwar eine größer werdende Gruppe von Menschen, die sich als säkular oder als nicht-gläubig bezeichnen. Es sind rund 15 % der Amerikaner. 85 % aber nehmen Religion ausgesprochen ernst. Auch wenn die Zahl jener wächst, die keiner Religionsgemeinschaft angehören, Religion blüht in Amerika. Zum Guten wie zum Bösen.”

Vom Büro des jüdischen Religionswissenschaftlers Kalman Bland sind es zu den Theologen, zur Divinity School, etwa 3 Minuten Fußweg. Intellektuell aber ist es eine Weltreise.

Ich treffe Reinhard Hütter. Er ist Professor für Systematische Theologie. Er hat sich auf Thomas von Aquin spezialisiert. Er lehrt seit mehr als zehn Jahren an der Duke University. Er war einst evangelisch, konvertierte dann zur katholischen Konfession. Er ist Laiendominikaner und bekennt sich als dezidiert konservatives Mitglied seiner Kirche. Er ist genauso offen und gesprächsbereit wie seine weniger konservativen Kollegen. Vielleicht ist es gerade diese zutiefst liberale (im besten Sinne des Wortes) Haltung, die mich beeindruckt hat an dieser Universität. Seine Position im Interview:

“Ursprünglich in der amerikanischen Verfassung hieß „Trennung von Staat und Kirche“ ja nur, dass der amerikanische Staat keine Staatsreligion unterstützt. Das war alles. Das ist auch noch das Verständnis vieler Amerikaner – auch wenn sich besonders im säkularen Bereich Amerikas ein anderes Verständnis eingeschlichen hat, eine andere Interpretation, die aber nicht die ursprüngliche ist. Also: Die USA unterstützen keine Staatsreligion wie in den Kolonien zuvor der Anglikanismus die Staatsreligion der englischen Kolonialherren und wie im französischen Bereich – Quebec und Lousiana – der Katholizismus die Staatsreligion waren. Das ist alles. Es ist ein Säkularismus, der sich ähnlich wie in Europa breit macht, der meint, dass eine freie Gesellschaft keine christliche Gesellschaft sein könne. Da liegt ein fundamentales Missverständnis vor.”

Zurück zu den Religionswissenschaftlern. Die Gebäude des Religion Departments und der Divinity School sind zwar miteinander verbunden, es gibt keine trennende Wand. Aber: virtuelle Wände.

Professor David Morgan:

“There are so many ways of interpreting the Constitution of the US: what exactly does the First Amendment mean regarding the separation of church and state. I think it is a mess – but it’s our mess. It is irresolvible. It would be a pity if resolved in favor of either. Nobody can claim priority. I think this is one of the good things of American legal system and founding political philosophy that no one should be able to claim sole possession of the soul of the nation. This would be a desaster, I think.

Die US-Verfassung lässt sich bezüglich der Trennung von Staat und Religion so und so deuten: Das ist extrem verzwickt – aber genau das macht unsere Identität aus  – und lässt sich nicht auflösen. Wenn sich einer der beiden rivalisierenden Deutungen durchsetzen würde, wäre das eine Katastrophe. Ich meine: Das ist eine der guten Seiten des amerikanischen Rechtssystems und unserer politischen Kultur: Niemand kann beanspruchen, allein die Seele der Nation zu verkörpern. Wenn das jemand proklamierte, wäre das ein Desaster.”

Das Thema des Seminars von David Morgan: „Religionsgemeinschaften in den Vereinigten Staaten“. Wie vielfältig das Land ist – auch in religiöser Hinsicht – das spiegelt sich auch in Morgans Studenten wider: Hier sind alle christlichen Denominationen wie auch Muslime und Juden vertreten. Einige Studenten haben asiatische Wurzeln. Wie die jungen Leute die Wechselwirkung von Religion und Gesellschaft in ihrem Land reflektieren – das beeindruckt mich bis heute. Die Debatte verläuft ruhig … aber engagiert; unaufgeregt … aber mit Elan. Gerade wenn ich das mit der hiesigen Situation vergleiche, in der alle Debatten über Religion damit enden, dass alle Schaum vor dem Mund haben.

Religionswissenschaftler in den USA sind gefragt. Sie verlassen regelmäßig ihren Elfenbeinturm, beziehen Position, ordnen ein. Stephen Prothero ist wahrscheinlich der bekannteste Religionswissenschaftler in den Staaten. Seine Bücher verkaufen sich gut. Mit „Religious Illiteracy“ hat er es auf die „New York Times Bestseller-Liste“ geschafft. Ich habe es in Duke angelesen, später in New York gekauft. Es liegt im Moment neben diesem Rechner. Prothero schreibt so, dass es auch Nicht-Mutter-Sprachler leicht verstehen können. “God is not One” – sein jüngstes Werk habe ich geradezu verschlugen.

Prothero schreibt für große Zeitungen wie New York Times oder Washington Post. Er hat ein eigenes Blog auf CNN. Er tritt regelmäßig in seriösen Programmen auf – etwa bei National Public Radio. Und: Prothero lässt ich einladen in die Show des US-Fernsehkomikers, Stephen Colbert.

Prothero erreicht ein eher säkulares, intellektuelles Publikum. Und wie alle, die über Religion in den Vereinigten Staaten debattieren, kommt auch er immer wieder auf das First Amendment zu sprechen. In diesem zentralen Zusatzartikel zur US-Verfassung wurzelt alles. Darin heißt es wörtlich:

„Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Staatsreligion zum Gegenstand hat, die freie Religionsausübung verbietet, die Rede- oder Pressefreiheit oder das Recht des Volkes einschränkt, sich friedlich zu versammeln und die Regierung um Beseitigung von Missständen zu ersuchen.”

Prothero:

“In the First Amendment that is telling us to separate church and state but also to give religious freedom. And part of the freedom of expression of religion in America leads our politicians to talk about it and they are very much allowed to do that. But we are totally different from Europe. I mean, if you are in Germany and you say: I am this big christian guy and so elect me President people gonna say: What are you talking about? But in the United States you have to say that now. And it’s interesting: Because when John F. Kennedy ran for President in 1960 – he had to say: My catholicism will nothing whatever to do with anything I will do as President. He had to promise  that essentially his religion would not matter. Now Presidents have to say the opposite. They have to say: I am gonna pray before I make a big decision about going to war – and Americans want that. They want to have a president who is sort of seems like them religiously.

Das First Amendment fordert, Kirche und Staat zu separieren, zugleich aber religiöse Freiheit zu gewähren. Die freie Rede und die freie Religionsausübung, festgeschrieben in der Verfassung – dies führt auch dazu, dass Politiker in Amerika ausgesprochen gern über Religion reden. Da sind wir ganz anders als Europa. Also, wenn in Deutschland jemand sagt: Ich bin ein ganz großartiger Christ, wählt mich deshalb bitte zum Kanzler! Dann würden die Leute fragen: Was redet der da? Aber in den Vereinigten Staaten muss man das inzwischen sagen. Das ist wirklich spannend: Als John F. Kennedy Präsident werden wollte, da hat er zugesichert, sein Katholizismus werde seine Amtsführung nicht beeinflussen. Kennedy musste versprechen, dass seine Religion keine Rolle spielt. Heute müssen Präsidenten das Gegenteil behaupten. Die Amerikaner wollen einen Präsidenten, der ihnen ähnlich ist in religiösen Fragen.”


Prothero zur Forderung nach einer stärkeren Trennung von Religion und Staat:

“I would not fight for it because in the United States that would not be democratic. The Americans don’t want that. And we have a democratic society – and most Americans wanna have a little bit of religion in the public space. The most Americans don’t want to have to much. We get a little uneasy when we hear George Bush is making decisions about foreign policy based on the Bible. That makes us worried. But do we want our Presidents to pray before going to war? Yes, we do. Do we want them to go to church? Yes we do. We wanna have the sense that they have this idea of God who is a way in cohoots with the United States and in a way is looking out after us and you know there is a strong tradition of God is sort of favouring the United States. This is I think a problem in american history. We are used to have the Israelites to be the chosen people. Now Americans are the chosen people. I think that this has faded away a little bit. But anyway, a real strict separation of church and state I just dont think would be all that democratic here. We want a little bit of religion in the public space. When it gets too much we pull back, when it gets too little we start to say: Why have we become so secular? We are becoming like Germany. And we shouldn’t do that, you know. We try to have a middlepath between sort of strict separation and an established religion.

Ich kämpfe nicht für eine stärkere Trennung von Staat und Religion in den Vereinigten Staaten. Es wäre undemokratisch. Die meisten Amerikaner wollen das nicht, sie wünschen sich, dass Religion in der Gesellschaft eine bestimmte Rolle spielt. Wir werden zwar nervös, wenn wir hören, dass George Bush seine außenpolitischen Entscheidungen auf der Basis der Bibel fällt. Das irritiert uns. Aber wollen wir, dass unsere Präsidenten beten, bevor sie in den Krieg ziehen? Ja, auf jeden Fall. Wollen wir, dass sie in die Kirche gehen? Unbedingt. Wir wollen, dass sie von der Idee beseelt sind, dass Gott auf der Seite der Vereinigten Staaten steht, dass er auf uns schaut, dass es einen Bund gibt. Diese Haltung schwindet zwar etwas, aber dennoch wäre eine strikte Trennung von Staat und Kirche auf demokratische Weise nicht durchsetzbar. Wir wollen Religion im öffentlichen Raum, ziehen aber die Reißleine, wenn es uns zu viel wird. Wenn sich aber die Gesellschaft säkularisiert, dann heißt es: Wie konnte es so weit kommen? Werden wir wie Deutschland? Wir versuchen einen Mittelweg zu finden zwischen strikter Trennung und einer Staatsreligion.”

Spitzenpolitiker im US-Wahlkampf kennen die religiösen Haltungen ihrer Wähler, wie sie etwa vom Pew Research Center in Umfragen ermittelt werden. Dieses Institut hat sieben Abteilungen: Eine – das Pew Forum – konzentriert sich darauf, wohin das religiöse Pendel gerade ausschlägt.

Stephen Prothero:

“I think it is because they are more religious. They are much more religious than most people in Western Europe. And I think in almost every democracy people wanna have presidents whom they feel comfortable with.  I think in the United States that means somebody who is kind of at least vaguely religious. I don’t think we necessarily need to have someone who is a born-again-christian. But if you ask Americans – and there have been some polling on this – Would you vote for an atheist for president? About half of the Americans say No.

Amerikaner sind religiöser geworden. Sie sind viel religiöser als die meisten Westeuropäer. Menschen in Demokratien wollen Präsidenten haben, die zu ihnen passen. In den Vereinigten Staaten bedeutet das, der Präsident muss religiös sein. Er muss kein wiedergeborener Christ sein. Aber wenn man Amerikaner fragt – und es gibt entsprechende Meinungsumfragen: Würden Sie einen Präsident wählen, der sich als Atheist bekennt, dann sagt ungefähr die Hälfte der Amerikaner: Nein.”

Gottesdienste in den Vereinigten Staaten sind sehr gut besucht. Das ist auch in der katholischen Kirche in Durham so: Hier sind alle Hautfarben und alle Ethnien versammelt: eine turnhallengroße Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Jung, lebendig. Katholisch-globale Kirche im Wortsinn.

Zwei Stunden später in der methodistischen Duke Chapel. Hier findet sich die Elite der Elite ein. Auch diese Kirche ist bis an den Rand gefüllt. Establishment.

Die Kathedrale von Boston dagegen liegt im South End der Stadt, dort wo es proletarischer und schwarzer wird. Auch hier: das riesige Kirchenschiff ist mehr als gut besucht. Es dominiert eine bürgerliche Mittelschicht.

Drei Stichproben. Nicht repräsentativ. Aber: Drei Mal volle Kirchen.

Hannes Stein, jüdischer Autor und New-York-Korrespondent der deutschen Tageszeitung „Die Welt“, schreibt: Weil es Wettbewerb zwischen den Religonsgemeinschaften gebe, deshalb strengen sie sich an. Auch Matthias Rüb sieht das so. Der US-Korrespondent der FAZ schreibt:

Der Gottesglaube in Amerika blüht und gedeiht, Angebot und Nachfrage wechseln beständig, neue Kunden betreten den Marktplatz, alte verschwinden.

Autor:

Aus religionswissenschaftlicher Perspektive hält David Morgan von der Duke University die Marktorientierung aller US-Religionsgemeinschaften für essentiell:

“It’s crucial. It is one of the most fundamental features of american history, religious history: the fact that from the very beginning religion was thrown into the private sphere, is in the cultural marketplace. In America – if you are a religion, whatever religion – if you wanna survive you got to compete for customers. You have to. Nobody is gonna bail you out. And it helps us understand so much about the church with respect to advertisement, architecture, building new fancy churches that attract attention, constructing lifestyle images: We are Baptist, we do it this way, using new media: Internet but also in the 19th century print and eventually radio and film and all these things. It’s what you do to identify a clientele and aggressively pursue them. You don’t stand back and wait for them to come to you.

Es ist einer der wichtigsten Punkte in der amerikanischen Religionsgeschichte: Von Anfang an war Religion eine Privatsache. Sie ist Teil des kulturellen Marktes. In Amerika kann eine Religion – welche auch immer – nur überleben, wenn sie sich um ihre Kunden kümmert. Sie hat keine andere Chance. Keine andere gesellschaftliche Macht gewährt ihr Schutz und Rettung. Vor diesem Hintergrund lassen sich die US-Kirchen auch besser verstehen – etwa mit Blick auf ihre Werbung oder ihre Architektur. Sie wollen für Aufmerksamkeit sorgen, sie wollen Lifestyle-Bilder erzeugen: Schaut her! Das sind wir: die Baptisten! Wir nutzen neue Medien! Oder im 19. Jahrhundert: Zeitung – oder dann Radio und Fernsehen. So erschließe ich mir einen Kundenstamm – und dann kann ich meine Kunden aggressiv bearbeiten. Keine Konfession lehnt sich zurück und wartet, dass die Gläubigen von alleine kommen.”

So weit ein Eindruck, was in dieser Sendung des Deutschlandfunks passiert ist. Wer mehr Infos braucht, wende sich an mich. Im übrigen kann ich die Lektüre des Büchleins von Rüb ebenso empfehlen wie die Bücher von Prothero. Auch von David Morgan ist dieser Tage gerade etwas erscheinen: The Embodied Eye. Aber ihn habe ich noch nicht gelesen.

Und jetzt, fast ein Jahr danach, bedanke ich mich noch mal bei allen an Duke, die mir so freundlich begegneten, und bei der Rias Berlin Kommission, die mir das Stipendium ermöglicht hat.


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Was ist das neue große Ding in 2012? Fragen an Johnny Haeusler, Spreeblick

Ich finde Path so richtig schick. Auch Instagram ist längst kein Geheimtipp mehr. Diaspora bleibt Diaspora. Schade, dass Minus nur von mir geliebt wird und ich dort immer so alleine bin. About me ist eine Splash Page, die mir richtig Freude gemacht hat in 2011. Ehrlich gesagt, auch Twitter ist mir im vergangenen Jahr immer mehr ans Herz gewachsen. Ich bin ein ‘late bloomer’.

Bei “Corso. Kultur nach drei” im Deutschlandfunk wollten wir aber nicht zurück schauen, sondern nach vorne – quasi ins Corso-Skop. Was wird in 2012 wichtig? Mit Blick auf social media, aber auch Netzpolitik und so fort? Wir haben Johnny Haeusler gefragt. Er ist definitiv eine der wichtigen Netzstimmen hierzulande. Sein @Spreeblick hat an diesem 27.12.2011 exakt 41.204 Follower auf Twitter. Hier lässt sich mein DLF-Interview nachhören.

Haeusler hat den Überblick über die immer vielfältiger werdende Szene der sozialen Netzwerke, wo gerade in den vergangenen Wochen eine Neugründung die andere jagt. Ausserdem ist er einer der Mitgründer der Social-Media-Konferenz „re:publica“. Haeusler ist Jahrgang 1964, er war im vergangenen Jahrhundert (Mitte der 80er – 1993) Frontmann der Post-Punk-Band „Plan B“.  So sah er vor rund 20 Jahren aus – neben Angela Merkel.

Ich habe Johnny Haeusler dort getroffen, wo Spreeblick entsteht: in einem Ladenlokal in Berlin-Kreuzberg. Und da brummt auch schon mal ein Kühlschrank, was den Höreindruck aber hoffentlich nicht beeinträchtigt.

Sein eBook macht übrigens auch große Freude. Es ist kurz vor Weihnachten erschienen. Für 0,99 €. Es ist ein social-media-Experiment: Lassen sich elektronische Bücher wirklich nicht verkaufen? Johnny Haeusler will das Gegenteil beweisen.

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